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Sie sind hier: Home » Presse » Archiv Immer attraktiver: Berufsausbildung an Berufsfachschulen
Wer in Deutschland von Privatschulen spricht, der meint in der Regel allgemein bildende Schulen, also Grundschulen oder Gymnasien. Und wer Berufsausbildung sagt, der meint zumeist betriebliche Ausbildung im Rahmen des dualen Systems. Oft wird übersehen, dass es auch in vollzeitschulischer Form möglich ist, eine fundierte Berufsausbildung zu erlangen. Die entsprechenden Einrichtungen heißen Berufsfachschulen, in einigen Bundesländern auch Berufskollegs - und nicht wenige von ihnen sind Privatschulen. Dass diese Form der Ausbildung immer attraktiver wird, zeigt ein Blick in die Statistik: Von 1992 bis 2005 sank die Zahl der Jugendlichen, die eine duale Berufsausbildung aufnahmen, um acht Prozent auf rund 550.000. Dagegen stieg die Zahl der Jugendlichen, die eine voll qualifizierende Ausbildung an einer Berufsfachschule begannen, bis 2004 um über 80 Prozent auf rund 182.000. Inzwischen wählt jeder vierte Jugendliche statt einer betrieblichen Lehrstelle im dualen System ein vollzeitschulisches Ausbildungsangebot. Entsprechend heißt es im Berufsbildungsbericht 2004 der Bundesregierung: "Die voll qualifizierende Berufsausbildung an Schulen entwickelt sich (...) zu einer wichtigen Ergänzung des dualen Systems." Private Schulträger haben daran einen nicht unerheblichen Anteil. Derzeit machen sie ein Drittel aller Berufsfachschulen in Deutschland aus und werden von gut einem Fünftel der Schüler besucht - Tendenz steigend.
Große Vielfalt Doch welche Berufe kann man eigentlich an einer privaten Berufsfachschule lernen? Die Antwort lautet: viele. Die meisten Angebote gibt es in den Bereichen Wirtschaft und Verwaltung, Technik, Gesundheit und Körperpflege, Ernährung und Hauswirtschaft. Typische Ausbildungen an Berufsfachschulen sind beispielsweise Ausbildungen zu den verschiedensten Assistentenberufen, etwa für Hotelmanagement, Elektrotechnik oder Fremdsprachen. Daneben gibt es aber auch zahlreiche andere Ausbildungsgänge in so gut wie jedem Berufsfeld, vom Altenpfleger über Hauswirtschafterin und Kosmetikerin bis zum Zahntechniker. Die Dauer der Ausbildung an privaten Berufsfachschulen ist sehr unterschiedlich, die Bandbreite reicht von einem bis zu dreieinhalb Jahren. Im Prinzip ist auch die schulische Berufsausbildung durch häufig integrierte Praktika dual geprägt, nicht selten werden während dieser Praktika schon wichtige Kontakte für den Berufseinstieg nach Ausbildungsende gelegt. Je nach Fachrichtung verfügen die Schulen über geeignete Laborplätze, Werk- und Übungsstätten, PC-Räume, Küchen, Sporthallen und Arbeitsbereiche, in denen die praktische Seite des Berufs in enger Verzahnung mit dem theoretischen Unterricht erlernt werden kann. Die meisten Abschlüsse an privaten Berufsfachschulen sind staatlich anerkannt, andere nicht. Das sagt jedoch nichts über die Qualität der Ausbildung aus, sondern hängt lediglich davon ab, ob der Ausbildungsgang auch an staatlichen Schulen angeboten wird oder nicht. Die Arbeitgeber wissen in der Regel jedoch sehr wohl um die Qualität auch von nicht staatlich anerkannten Berufsausbildungen. Nach der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2005 ist es bei einigen schulischen Ausbildungen sogar möglich, ein Kammerzeugnis zu erwerben. Voraussetzung ist, dass es eine entsprechende betriebliche Berufsausbildung im Rahmen des dualen Systems gibt. Allerdings weigern sich viele Kammern trotz der Gesetzesänderung bislang immer noch, Absolventen vollzeitschulischer Berufsausbildungen mit entsprechendem Ausbildungsplan zur Abschlussprüfung zuzulassen. Grundsätzlich gilt, dass Abschlüsse an Berufsfachschulen - anders als Abschlüsse im dualen System - dem jeweiligen Landesrecht unterliegen und nicht dem Bundesrecht. So kommt es auch, dass für vergleichbare Berufsabschlüsse in verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen existieren, beispielsweise kaufmännischer Assistent oder Wirtschaftsassistent für dasselbe Berufsbild. Das gilt erst recht für nicht staatlich anerkannte Ausbildungsgänge. Hier gibt der Ausbildungsplan Auskunft über den genauen Inhalt der Ausbildung.
Schnelle Reaktion auf Anforderungen der Wirtschaft Ein großer Vorteil einer schulischen Berufsausbildung ist ihre Aktualität. Berufsfachschulen sind nicht an die langwierigen Prozesse bei der Schaffung oder Anpassung von Ausbildungsordnungen im dualen System gebunden und können so wesentlich schneller auf die Anforderungen der Wirtschaft reagieren. Privatschulen haben sich dabei immer wieder als besonders findig und innovativ hervorgetan. Heute kennt zum Beispiel jeder die weit verbreiteten Berufe chemisch-technischer Assistent (CTA) und pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA). Beides sind Erfindungen von Privatschulen, die in Zusammenarbeit mit Industrie und Handel neue Wege gingen. Zuletzt haben die Privatschulen vor allem im Gesundheitsbereich Kreativität bewiesen: Medizinische Dokumentationsassistenten, betriebswirtschaftliche Assistenten im Gesundheitswesen oder telemedizinische Assistenz heißen einige der neuen Ausbildungsgänge, die zunächst als so genannte Ergänzungsschulen, also ohne staatliche Entsprechung, an den Start gingen. Wer sich für eine Ausbildung an einer privaten Berufsfachschule interessiert, muss allerdings wissen, dass er im Gegensatz zu einer betrieblichen Ausbildung keine Ausbildungsvergütung erhält (Ausnahme: Pflegeberufe). In der Regel müssen die Schulen sogar ein Schulgeld erheben, das allerdings steuerlich geltend gemacht werden kann. Insgesamt gibt es viele Gründe, seine Berufsausbildung an einer privaten Berufsfachschule zu absolvieren: Innovative, zukunftsorientierte Ausbildungsinhalte, hohe Flexibilität, die häufig gebotene Möglichkeit zur Doppelqualifikation oder zum Erwerb eines höheren Schulabschlusses, die hohe Qualität und die Unabhängigkeit von der aktuellen Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Dass immer mehr Jugendliche diese Vorteile erkennen, zeigt der eingangs erwähnte Blick in die Statistik; die weiter steigende Lehrstellenlücke wird diesen Trend mit Sicherheit noch verstärken.
Martin Kunze
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