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Eine Veröffentlichung von Martina Ostermann, Pädagogische Leiterin des Langen Instituts

Persönlichkeitsentwicklung durch Tanztherapie

Auszug aus einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Balance" - Das regionale Gesundheitsmagazin im Dezember 2001

 

Persönlichkeitsentwicklung durch Tanztherapie

Bei Naturvölkern ist Tanzen stets ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Es gibt kein Ereignis, bei dem nicht getanzt wird. Der Tanz begleitet Hochzeit, Geburt und Tod, eröffnet Krieg und Jagd, beschwört "böse Geister" und Naturgewalten und wird auch bei der Heilung von Krankheiten eingesetzt. In der westlichen Welt ist das natürliche Ausdrucksmittel Tanz weitestgehend verloren gegangen. Im Alltag, in Beruf und auch in der Familie ist es uns selten möglich, all unsere Gefühle in vollem Umfang und in ihrer ganzen Intensität zu leben und auszudrücken. Besonders "negative" Gefühle wie Trauer, Wut und Angst sind nicht erwünscht. Aber auch der Ausdruck "positiver" Gefühle wie Freude und Liebe ist oft schwer möglich. Gefühle, die nicht ausgedrückt werden, erzeugen in uns oft einen inneren Druck und lagern sich im Körper in Form von Verspannungen oder Blockaden ab. Von diesen Symptomen sind besonders häufig Wirbelsäule, Schultern, Haut, Verdauungstrakt und die Geschlechtsorgane betroffen. So kommt es zu Schmerzen und Funktionsstörungen, die das Wohlbefinden und die Lebensfreude erheblich beeinträchtigen.

Ziel der Tanztherapie ist es, die blockierten Gefühle zu befreien, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen. Durch das Lösen der Verspannungen kommt die Energie wieder in Fluss, und Körper und Persönlichkeit finden so gemeinsam neue Möglichkeiten für Wachstum und Entfaltung. Der / die Therapeutln bietet Tanz- und Bewegungsübungen zu verschiedenen Körperbereichen an, um diese zu lockern, Verspannungen aufzulösen und die Energie wieder in Fluss zu bringen. So entsteht die Möglichkeit, mit verschiedenen Teilen des eigenen Körpers und den dort gespeicherten Gefühlen wieder in Kontakt zu treten. Eine bessere Wahrnehmung der verschiedenen Aspekte der eigenen Persönlichkeit und ein ganzheitliches Erleben von Körper, Seele und Geist zu fördern, ist das Ziel. Gleichzeitig bietet die Tanztherapie Gelegenheit, verschiedene Möglichkeiten des Kontaktes mit sich selbst und anderen in Bewegung und Tanz zu erleben und auszuprobieren.

Nach der Definition der "American Dance Therapy Association (ADTA)" ist , Tanztherapie "die psychotherapeutische Verwendung von Bewegung als Prozess, der die emotionale und psychische Integration des Individuums zum Ziel hat".

 

Verdrängte Erlebnisse tanzend ans Licht bringen

Ausgehend von der Annahme, dass der Mensch eine "Körper-Geist-Seele-Einheit" ist, setzt die Tanztherapie über die Bewegung und den körperlichen Ausdruck einen Heilungs-, Stabilisierungs-, Entwicklungs- oder Wachstumsprozess in Gang. Hierbei werden grundlegende Bewegungselemente genutzt, um zu einer Integration von Körper und Seele, von Gefühl und Körperlichkeit, oder auch von lebensgeschichtlichem Hintergrund und momentaner Lage zu gelangen. Auf diese Weise werden bisher nicht - oder nur schwer - zugängliche Erfahrungsbereiche, bisher verschüttete oder unterdrückte Stimmungen freigesetzt, somit zur Darstellung gebracht und integriert.

Inzwischen gibt es viele verschiedene tanztherapeutische Methoden und Herangehensweisen. Einige der Pionierinnen aus den 40er und 50er Jahren machten ihre Erfahrungen zuerst im Bühnentanz. Marian Chase, Trudi Schoop, Mary Withehouse, Anna Halprin waren einige dieser Pionierinnen aus den USA. Jede hatte aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen eine eigene Vorstellung davon entwickelt, was Tanztherapie ist. Auf diese Weise entstanden verschiedene Ansätze. Die einen betonen mehr den kreativtänzerischen Aspekt, andere stellen den psychotherapeutischen Aspekt in den Vordergrund der tanztherapeutischen Arbeit.

Zur ersten Generation Tanztherapeutinnen in Deutschland gehören Frauen wie Wally Kaechele, Fe Reichelt und Elke Wilke, die einen ähnlichen Hintergrund wie ihre Kolleginnen aus den USA haben.

Heute wird die Tanztherapie in Deutschland gleichermaßen in Theater, Performance, pädagogischer und therapeutischer Arbeit sowie in psychotherapeutischen Kliniken und Praxen eingesetzt. Eine der verschiedenen Formen der Tanztherapie ist die "Halprin Methode". Sie beruht auf einem integrativen Zugang von Tanz, persönlicher Entfaltung, kollektiver Kreativität und Heilkunst. Sie steht der Psychosynthese und der Gestalttherapie sehr nah.

Ein wesentlicher Teil der "Halprin Methode" ist der "Life-Art-Prozess". Der "Life-Art-Prozess" ist eine Technik, mit dem die im Körper steckende Lebensgeschichte und somit die Sammlung der Lebenserfahrungen durch Tanz, Bewegung, Malen und Schreiben wiederbelebt und neu erfahrbar gemacht wird. Dabei ist es das Wichtigste, Freude an der Bewegung und der Ausdrucksform Tanz zu haben. Es kommt nicht darauf an, dass die Bewegungen tänzerisch perfekt sind, sondern vielmehr darauf, die eigenen Stimmungen und Gefühle in Bewegungen umzusetzen und ihnen so einen Ausdruck zu geben. Dazu ist tänzerische Erfahrung nicht zwingend notwendig.

 

Jeder Mensch trägt die Lösung seiner Probleme in sich

Schreiben, Malen und Gespräche sind Reflexionshilfen, um mehr Klarheit über das Erlebte, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse oder Ideen zu bekommen. Die Reflexion des Erlebten ist ein wichtiges Mittel zur Integration in die Ganzheit der "Körper-Seele-Geist-Einheit". Nur wenn das Erlebte allen Ebenen bewusst zur Verfügung steht, hat der Mensch die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden.

Beim "Life-Art-Prozeß" wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch die Lösung seiner Fragen und Probleme bereits in sich trägt. Deshalb werden die gesunden Anteile also die Weisheit des eigenen Körpers angesprochen, um die Selbstheilungs- oder Selbstregulierungskräfte zu aktivieren. Instinktive Bewegung steht mit tief vergrabenen Gefühlen in Verbindung, die sinngebende Erfahrungen hervorrufen. "Wenn diese Erfahrungen gezeichnet oder gemalt werden, wird der persönliche Mythos so vollständig erlebt, dass die Person zu einem Gefühl von tiefer Stärkung und Heilung kommt." (Anna Halprin)

 

Eine Veröffentlichung von Martina Ostermann, Pädagogische Leiterin des Langen Instituts

 

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