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Ein Vortrag von Marianne Eberhard-Kaechele, Wissenschaftliche Leiterin des Langen Instituts
Historie der Tanztherapie in Deutschland: Die Suche nach prospektiven Zeichen in den Spuren der Vergangenheit
Vortrag anlässlich der Tagung der Internationalen Gesellschaft für Kunst, Gestaltung und Therapie vom 10.-12.11.2000 auf dem Monte Verità, Ascona/Schweiz
Einleitung:
Als ich mir vornahm, Spuren der Entwicklung der Tanztherapie in Deutschland zurück zu verfolgen, hatte ich noch nicht realisiert, dass wenn ich vortrage, ich an einer der Quellen der Tanztherapie stehen würde. Einer der Redner dieser Tagung sagte, dass die Utopien, die in Ascona konzipiert wurden, alle gescheitert seien. Doch ich fühle mich sehr lebendig, mit dem Erbgut einer Ascona Schöpfung hier zu stehen, und die lebendige Geschichte dieser Schöpfung erzählen zu können. Ich werde dabei nicht versuchen alle Details fest zu halten, sondern vielmehr die Spuren heraus zu arbeiten, die uns bis zum heutigen Tag bewegen. Die Perspektive ist meine eigene. Für Personen aus anderen Kontexten mag es eine andere Gewichtung von Phänomenen und Personen geben.
Ursprünge:
Gewiss, die Eizelle der Tanztherapie kam von Isadora Duncan. Die amerikanische Tänzerin vollbrachte die Innovation, die Ästhetik der Selbstbeherrschung des klassischen Tanzes einer Ästhetik der Selbstentfesselung des modernen Tanzes entgegen zu setzen. Diese Innovation, das wir als "Regression im Dienste des Ichs" beschreiben könnten, lässt sich am Körperbild, geschaffen durch die Kleidung, verdeutlichen: Die Balletttänzerinnen waren beherrscht von einem Korsett, das ihren Torso in eine Vertikale (nach Kestenberg: analsadistische) Position zwängte. Emotionsgestaltende Körpereigenschaften wie der Atemfluss oder das Körpergewicht waren unterdrückt oder minimiert. Die Gliedmaßen gaben Ausdruckszeichen - es entstand ein regelrechtes Vokabular - ohne im Moment der Ausführung unmittelbar von dem Ausdruck selbst erfüllt zu sein. Duncan Tänzerinnen trugen durchscheinende Togas, ohne Korsett. Der wogende Busen, die wuchtenden Hüften, das krümmen und das strecken, die Hingabe und der Widerstand des Leibes waren sichtbar. Duncan führte nicht nur die Dynamik der Emotionen aus, sondern gab ihnen ein entsprechendes Gefäß in der Körperform, das dem Publikum ein unmittelbares Teilhaben an ihren emotionalen Innenleben ermöglichte.
Isadora Duncan verdanken wir die Entdeckung des Phänomens das Kaye Hoffmann "Tremendum" nannte: "die Gestaltung der Bewegtheit, statt die gestaltete Bewegung. Das Tremendum ist der Kern des Tanzes, der nicht nur Ausdruck eines bestimmten Gefühls ist, sondern darüber hinausgehend, eine Stärkung der Fähigkeit zur inneren und äußeren Bewegtheit." ( Peter-Boländer 1992, S. 102)
Die Samenzelle der Tanztherapie spendete Rudolf von Laban, der bedeutendste Bewegungsforscher des zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl er der gleichen geistig-künstlerischen Revolte angehörte wie Duncan, war Laban bestrebt die Kunst zum Mittel der Selbst-Erforschung und des Selbst-Ausdrucks zu machen, durch systematische Erfassung der Bewegungsphänomene des menschlichen Körpers. Er glaubte, erst die Beherrschung des gesamten Spektrums seiner Bewegungsmöglichkeiten befähige zur Freiheit des Ausdrucks und Kompetenz in der Lebensbewältigung. Die Akribie mit der er Phänomene differenzierte lässt sich demonstrieren: Ich stelle mein ansonsten regungslosen Körper in einer bestimmten Haltung und zeige dies aus verschiedenen Richtungen: Frontal, Dorsal, im Profil, und weitere Zwischenstufen. Jede Perspektive hat einen anderen Ausdruck, Funktion oder Wirkung, die Laban zu ergründen und zu deuten versuchte.
Hier in Ascona, in den Sommerschulen von 1913 und 1914 wurde die Frucht dieser Synthese aus Entfesselung und Beherrschung geboren: Mary Wigmann beschloss unter den Eindruck der Sommerschule bei Laban, auf dem Monte Verità, Tänzerin zu werden. Sie prägte den Satz "Ohne Extase kein Tanz! Ohne Form kein Tanz!" (Zit. In Bach,1933, S.19), das eine Verbindung von Dionysischer und Apollonischer Kräfte besiegelte.
Diese Spuren: Entfesselung, Analyse und Formgebende Synthese werden uns später wieder begegnen.
Von diesen Urmüttern und Urvater kommen wir zu den weiteren Ästen des tanztherapeutischen Stammbaumes. In den 20er und 30er Jahren waren Vertreter des modernen Tanzes, zum Beispiel Mary Wigman, Ruth St. Dennis und Martha Graham, weitere Wegbereiterinnen einer Tanzform, die sich zu therapeutischen Zwecken eignen würde. Ihr Anliegen war, den "inneren Tanz" zur Entfaltung zu bringen, durch eine nicht-wertende Haltung und die Förderung des persönlichen, statt des genormten Ausdrucks. Dieses Vorgehen wurde später assoziiert mit der Aufdeckung des Unbewussten durch freies Assoziieren, in der zeitgleich entstehende Psychoanalyse.
Die erste Generation der Tanztherapeutinnen, in den 1940er und 1950er Jahren in den USA, waren ursprünglich Bühnentänzerinnen. Viele von Ihnen waren Europäerinnen die dem Nationalsozialismus nach USA entflohen waren. Später, als Tanzpädagoginnen, setzen sie ihre Fertigkeiten in dem Kontext der Heilbehandlung von psychischen Störungen und Behinderungen ein. Sie bemühten sich ihre intuitiven methodischen Erfolge mit den bestehenden Theorien anderer Paradigmen zu verstehen und zu erklären. Mehrere verschiedene Methoden, entwickelt aus verschiedenen Arbeitsfeldern und Populationen, waren bereits etabliert und in der zweiten Generation gelehrt worden, bevor der berufspolitische Zusammenschluss und eine gemeinsame Prägung des Begriffs "Tanztherapie" in den 60er Jahren stattfand. Die einzelnen Verfahren der Tanztherapie wurden nach ihren Urheberinnen benannt, z.B. Chace Methode, Whitehouse Methode. Wichtige Spuren die hier fest zu halten wären, sind der künstlerischer Ursprung der Pionierinnen und der vielseitigen Anwendungsgebiete, sowie die Personengebundenheit der einzelnen Methoden.
Die zweite Generation der amerikanischen Tanztherapeutinnen etablierte universitäre Ausbildungsgänge, und kämpfte dennoch gegen Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit oder der Unseriosität. Eine solche Pionierin, Joanna Harris, erzählte mir, dass die Frauen dieser Generation oft mit Psychotherapeuten verheiratet waren, die eines der etablierteren Verfahren ausübten. Nicht allein um ihre Ehemänner zu überzeugen, fühlten sich diese Tanztherapeutinnen dazu bewegt, eine Ausbildung in einem etablierten Verfahren zu unterziehen, um die Anerkennung ihrer Arbeit sicher zu stellen. Dieser Schritt der "Heirat der Methoden" hinterließ Spuren derart, dass obwohl die Person nun akzeptiert wurde als Psychotherapeutin, davon ausgegangen wurde, dass ihre therapeutischen Erfolge nicht durch die Tanztherapie, sondern durch das dazugelernte Verfahren, bewirkt wurden. Diese Spur begegnet uns in jüngster Vergangenheit wieder.
Die Deutsche Geschichte:
Übersicht der Generationen:
Ich erwähne Personen namentlich, in alphabetischer Reihenfolge, wie sie mir in 19 Jahren berufspolitischer Arbeit begegnet sind. Daher ist es möglich, dass Personen die wichtige Beiträge in ihrem Wirkungskreis geleistet haben hier unerwähnt bleiben, weil unsere Wirkkreise sich nie überschnitten haben.
- Erste Generation: Obwohl ihre jeweilige Interesse für Tanz als Therapie sicher weiter zurück reicht, beginnt für die Pionierinnen die Auseinandersetzung mit einem definitiven, psychotherapeutischen Verfahrens namens Tanztherapie in den 70er Jahren. Manche sind Autodidaktinnen, zum Teil eigneten sie sich über Mosaikstein-artige Ausbildungsschritte Kenntnisse über Tanztherapie an, ohne eine komplette, formale Ausbildung in den USA zu absolvieren. Sie hatten unterschiedliche Grundberufe aus den Gebieten Tanz, Sport und Kunst. Hierzu würde ich solche Personen zählen wie Ursel Burek, Wally Kaechele, Anna Marakas, Fe Reichelt und Elke Willke. Diese Personengruppe war besonders daran interessiert, die Tanztherapie durch Ausbildung in Deutschland zu etablieren und sind bis heute in dieser Funktion tätig.
- Zweite Generation: Zu beginn der 80er Jahre wurde die Pionierarbeit durch sie im wesentlichen mitgetragen. Die zweite Generation war überwiegend in Nord Amerika ausgebildet, einige erwarben ihre Ausbildung wie die erste Generation, autodidaktisch oder über ein Mosaik von Fortbildungsmaßnahmen. Sie begannen als MitarbeiterInnen der Tanztherapeutinnen der ersten Generation, und leiten heute zum Teil eigene Ausbildungsinstitute. Hierzu zähle ich Personen wie Susanne Bender, Petra Klein, Erika Kletti-Ranacher, Sybille Scharf-Widder, Anne Fallis, Claudia Greven, Martina Peter-Boländer, Sabine Trautmann-Voigt, Petra Wolgard Hagemann, Cary Rick, Jaqueline Mayer-Ostrow und mich selbst. Anfang der 90er Jahre engagierten sich maßgebend mit in der Berufspolitik Imke Fiedler, Ute Lang, und Silke von der Heyde.
- Dritte Generation: Sie sind die ersten AbsolventInnen einer deutschen Ausbildung. Sie haben heute bis zu fünfzehn Jahre Berufserfahrung und arbeiten zum Teil als MitarbeiterInnen in der Aus- und Weiterbildung von TanztherapeutInnen. Aufgrund der großen Zahl der hier zu nennenden Namen werde ich darauf verzichten müssen, sie einzeln zu benennen.
- Vierte Generation: Mittlerweile gibt es AbsolventInnen die in Deutschland ausgebildet wurden, von in deutschland ausgebildete DozentInnen. Die Methoden die sie gelernt haben sind zum Teil in Deutschland entstanden, verfeinert oder modifiziert worden. Sie konnten von in Deutschland gesammelten, klinischen Erfahrungswerten profitieren. Dies steht im Gegensatz zu den vorherigen Generationen, die stark nach Amerika orientiert waren, ungeachtet kultureller Unterschiede.
Verlauf der theoretischen Orientierung/Methodik der Tanztherapie
Ich möchte die Veränderung der Technik anhand eines Bewegungsbeispieles veranschaulichen, das nach jeder Phase in entsprechender, der Klarheit halber in überzeichneter Weise, beschrieben wird. Das Beispiel wird jeweils in Kursivschrift abgehoben. Es handelt sich um eine Übung des Fallens/Fangens: Eine Person stellt sich vor einen anderen und lässt sich nach hinten fallen. Die hintere Person fängt die Fallende auf.
- Zunächst folgte die Methodik den Vorgaben der Pionierinnen die, so fern sie noch lebten, selbst in Deutschland unterrichteten oder deren Nachfolgern. Trotz Gemeinsamkeiten wie die Verwendung von Improvisation zur Förderung des persönlichen Ausdrucks, ließen sich ihre Interventionsweisen in zwei polare Stile unterteilen:

- Der "east coast" Stil war eher direktiv, sozialisierend, auf Integration abzielend zu charakterisieren. Er wurde u.a.von den Pionierinnen Marian Chace und Lilian Espenak vertreten und folgte dem Laban'schen Erbe der beherrschten Emotionalität.
- (Bei Espenak) Die Teilnehmer werden in die Durchführung der Übung kurz eingewiesen. Wenn sie die Übung vollzogen haben, wird analysiert welche Störungen bei ihnen aufgetreten sind. Diagnostische Schlüsse werden je nach Population aufgedeckt oder wortlos in künftigen Übungen berücksichtigt. Die Störungen werden durch Hilfestellung möglichst behoben, entsprechend den Normwerten für die gesunde Ausführung dieser Bewegung.

- Der "west coast" Stil war eher non-direktiv, individualisierend, auf Emanzipation abzielend zu charakterisieren. Er wurde von Mary Whitehouse und ihren Nachfolgern vertreten und folgte dem Duncan'schen Erbe der entfesselten Emotionalität.
- Möglicherweise entsteht bei einer Improvisation das Ereignis, dass eine Person fällt und eine andere sie auffängt. Es wird reflektiert welche Empfindungen dieses Ereignis begleiteten und welche biographischen Zusammenhänge zu dem Gesamterlebnis bestehen.
 Diese Ansätze wurden mit sehr spezifischen Populationen entwickelt, was zunächst bei der Übertragung auf andere Populationen unberücksichtigt blieb.

- Die nächste Phase integrierte mehr humanistisches Gedankengut, hatte zum Teil auch esoterische Züge. Konfliktorientierte und kathartische Techniken aus anderen Körper- und Erlebnisorientierten Verfahren wurden abgeschaut und eigene, tanztherapeutische Pendants entwickelt. Außerdem entwickelten in Deutschland verschiedene Personen eine "eigene" Technik der Tanztherapie. Diese Zeit war grenzüberschreitend im guten und im bösen Sinne des Wortes: Für höher strukturierte Patienten ermöglichten die neuen Techniken die Erweiterung ihres bisherigen Horizonts und die Bearbeitung von Konflikten innerhalb des Bewegungsmediums. Für frühgestörte Patienten bedeuteten diese Techniken bestenfalls eine Überforderung, schlimmstenfalls eine Re-Traumatisierung. Da in dieser Phase zum ersten mal die Methode Tanztherapie gelehrt wurde, ergab sich oft die unreflektierte Übertragung von Vorgehensweisen aus der praktischen Ausbildung auf klinische Populationen.
- Eine Person stellt sich auf eine Fensterbank oder einen Tisch und lässt sich möglichst risikofreudig in die Arme der Gruppe fallen. Führen nur zwei Personen die Übung aus, wird Wert auf die tiefe des Fallens gelegt: je tiefer umso besser.

- Aus den Fehlern der Vergangenheit wurde gelernt. Die universitäre Forschung und die Ausbreitung der klinischen Anwendung der Tanztherapie ermöglichten die Differenzierung von populationsspezifischer Interventionstechniken. Obwohl noch etwas verpönt, wurden Diagnostik und diagnose-spezifische Indikationen als eine Form der Fürsorglichkeit zunehmend erkannt. Die ersten Ergebnisse der Säuglingsforschung, vordergründig von Margret Mahler, weniger beachtet von Judith Kestenberg, verfeinerten die Diagnostische Anwendung der Laban'schen Bewegungsanalyse. Sie gaben die theoretische Basis für tiefenpsychologische Interventionsgestaltung in Bewegung, nicht nur in der sprachlichen Aufarbeitung von Bewegungsübungen. Das "Tremendum" von Duncan war wieder da: die Gestaltung der Bewegtheit, und nun die Möglichkeit zu verstehen welche Bewegtheit gerade gestaltet wurde.
- Eine Person stellt sich bereit eine andere Person zu fangen. Beide prüfen in kleinen Schritten in wie weit sie einander gewachsen sind im Fallen/Fangen. Der Umgang des einzelnen mit der Aufgabe gibt seine Ressourcen und Defizite preis und ermöglicht es, mit dem Klienten eine spezifischen Zielsetzung zu entwickeln. Zum Beispiel könnte es darum gehen, zu begrenzen wie weit man fallen gelassen wird, durch ein verbales Signal, oder darum, sich auf den Partner einzulassen, durch das Maß an Gewicht was man ihm anvertraut.

- Die Revision der Säuglingsforschung durch Daniel Stern erschütterte kurz die Orientierung der TanztherapeutInnen, die sich auf Mahler berufen hatten. Judith Kestenberg, die noch vor Stern Säuglinge beforscht und mit Mahler in Auseinandersetzung gestanden hatte, trat nun in den Vordergrund. Da Kestenberg die Laban'sche Bewegungsanalyse für ihre Forschung genutzt hatte, waren ihre Erkenntnisse optimal geeignet um Tanztherapeutische Methoden daraus zu extrapolieren. Eine wesentliche Errungenschaft war ein differenzierteres Antworten auf die Übertragung des Klienten in der therapeutischen Bewegungsbeziehung. Bis dahin hatten direktive, abstinente oder spiegelnde Interventionen der analytischen und humanistischen Schulen folgend, das Repertoire des Therapeutenverhalten dominiert.
- Je nach Strukturniveau und Störungsbild des Klienten bietet der Therapeut dem Klienten an: Ihn vertrauenswürdig, mit abgestimmten Bedingungen zu fangen; Sich (gemäßigt) unberechenbar zu verhalten; Sich vom Klienten fangen zu lassen; Als abgegrenztes Gegenüber das Gewicht des Klienten möglichst nicht, oder nur mit Abstand, anzunehmen; usw..
In dieser Phase konkretisierte sich die Suche nach einem erweiterten Methodenrepertoire und theoretischer Erklärungsansätze. Auch das Herannahen des Psychotherapeutengesetzes und die Antizipation oder konkrete Erfahrungen mit der mangelnden Anerkennung des Verfahrens Tanztherapie, regte zu methodischer "Heirat" mit anderen Verfahren an, wie einst in Amerika. In Deutschland gibt es nun auch systemische, analytische, integrative/gestalt, Jung'sche, tiefenpsychologische und noch weitere Gattungen von Tanztherapie. Wie in jede Ehe bringen diese Verbindungen Freud' und Leid'. So hat man weniger Sorgen um theoretische und methodische Konzepte, sowie berufspolitische Vertretung. Möglicherweise werden Aspekte der Tanztherapie eingeschränkt oder nicht berücksichtigt. Man teilt das berufspolitische Schicksal des angeheirateten Verfahrens, sei dies erfolgreich oder aber verächtlich. Vor allem droht die Gefahr der Verleugnung der eigenen Herkunft, wenn die intrinsischen Eigenschaften der Tanztherapie nicht weiter ergründet werden, sondern der bestehende Fundus in das andere Paradigma gepresst wird und im Sinne dessen weiter definiert und entwickelt wird.
Intrinsische Methoden versus Modell Narzissmus:
In Amerika wurden methodische Ansätze nach der Pionierin benannt, die sie (an einer spezifischen Population) entwickelt hatten. Diese Tatsache ermöglicht es uns heute, die methodischen Wurzeln der Tanztherapie zu ergründen. Dennoch ist kein Ansatz für sich allein genommen für alle möglichen Populationen angemessen. Daher umfasst die moderne Ausbildung in Tanztherapie mehrere Ansätze. In Deutschland wurde die alte "Tauf-Praxis" aufgegriffen und einem gewissen Modell-Narzissmus gefrönt: Manche identifizierten sich mit einer der amerikanischen Pionierinnen und versuchte der Spezialist in Deutschland für diesen Ansatz zu werden. In einem Fall wurde sogar versucht, ein Copyright auf die Verwendung des Namens zu erwirken. Manch anderer entwickelte rasch eine eigene Methode, mit eigenem Namen. Diese Profile halfen, sich von unseriösen Gattungen der Tanztherapie sich abzugrenzen, oder sein Institut aus der zunehmenden Masse an Ausbildungsanbietern auf dem Markt hervorzuheben. Inhaltlich brachte diese Spezialisierung die Verfeinerung von Methoden, aber auch eine gewisse Erschwerung der Kommunikation und der Solidarität der Fachleute unter einander, da zum Teil sehr spezifische Terminologien/Konzepte den Eingeweihten vom Nicht-Eingeweihten trennen sollte.
Verlauf der Berufspolitik
Zu den Phasen gebe ich jeweils Hinweise zu der Entwicklung intern, d.h. innerhalb der Tanztherapieszene, und extern, d.h. in der Gesellschaft und dem Arbeitsmarkt allgemein.
- Phase der Selbstfindung. Intern: Jede Pionierin ist darauf konzentriert, ihre eigene Möglichkeiten in der Praxis zu entdecken. Extern: Tanztherapie kommt vereinzelt und personengebunden zum Einsatz bei private Klienten, in Institutionen und stationäre Einrichtungen, sowie in der Fortbildung anderer Berufsgruppen.

- Phase der Entdeckung des Anderen. Intern: Es entstehen die ersten Verbindungen zwischen Tanztherapeutisch Tätigen, den Bundesverband für Tanztherapie um Wally Kaechele, und die Deutsche Gesellschaft für Tanztherapie um Elke Willke. Erste vollständige Aus-/Weiterbildungen in Tanztherapie in Deutschland werden angeboten. Extern: Erste offizielle Praktika und Stellen für deutsch-ausgebildete Tanztherapeuten werden eingerichtet. Ein Bedarf für Tanztherapie in Deutschland wird konzipiert. Kooperationen mit klinischen und heilpädagogischen Einrichtungen entstehen. Präsentationen auf psychotherapeutischen Kongressen. Differenzierung zwischen Fortbildung für andere Berufsgruppen und die Aus- oder Weiterbildung zum/zur Tanztherapeut/in.

- Phase der Spaltung und Konkurrenz. Intern: Weitere Ausbildungsinstitute werden gegründet im Zuge der Spaltung von ehemaligen Verbindungen. Konkurrenz und In-Frage-Stellung der Gültigkeit/Qualität von verschiedenen Ansätze oder Instituten. Neue Koalitionen bilden sich und Berufsverbände entstehen. Extern: Konkurrenz um Praktika und Stellen. Aufwertung der Vorhandenen TT- Stellen, in dem sie leitende Funktionen für die PraktikantInnen erfüllen. Weitere Kongressarbeit und erste Veröffentlichungen.

- Phase der Wiederannäherung und Èklats. Intern: Die Aussicht auf staatliche Finanzhilfe bringt alle an einen Tisch in der Gesellschaft für Tanzforschung. Heftige Auseinandersetzungen werden allmählich, in 8 Jahren Arbeit, gezähmt durch die gemeinsame Abstimmung von Ausbildungsstandards. Das gesamte Niveau des Berufsbildes steigt. Weitere Spaltungen und Einigungen finden statt. Extern: Die ersten Anzeichen vom Psychotherapeutengesetz lösen die Bemühung um einflussreiche Interdisziplinäre Kontakte aus. Erforschung von politische Machtstrukturen, Abrechnungsprozeduren. Die Anlehnung an theoretische Paradigmen anderer Verfahren wird verstärkt. Erste deutsche Bücher werden publiziert, der erste internationale Kongress für Tanztherapie findet in Berlin Spandau statt

- Phase der Nationalen Einigung. Intern: Gründung des Berufsverbandes der Tanztherapeutinnen Deutschlands auf der Basis der gemeinsam entwickelten Standards. Emanzipation der Absolventen einzelner Institute, die im Nationalen Verband Kontakttabus durchbrechen können. Extern: Verstärkte Orientierung an Kooperationspartnern die im Umgang mit dem Psychotherapeutengesetz helfen könnten. Weitere Buchveröffentlichungen, verstärkte Kongressarbeit.
Gegenwärtige Phase, nach dem Psychotherapeutengesetz. Intern: Zunächst Abnahme der Interessenten an der Ausbildung. Eine Gliederung zeichnet sich ab, in 2-3 gleisige Ausbildungen: für Ärzte/Psychologen als Zusatzverfahren, für Personen die mit der Heilpraktiker Zulassung zur Heilkundlichen Psychotherapie, oder klinisch, tätig werden möchten, und für Personen die im Sinne eines Heilhilfsberufs oder Fortbildung ein weniger anspruchvolles Angebot suchen. Gemeinsame Anstrengungen in der Berufspolitik schweißen zusammen. Jüngere Generationen werden aktiv in der Berufspolitik, unabhängiger als die Institutsleiter von marktwirtschaftlichen Interessen. Alte Feindschaften verlieren an Gewicht oder verhärten sich. Extern: Manche sehen ihre Existenz gefährdet und wechseln den Beruf. Dennoch gibt es mehr öffentliche Stellenangebote für TanztherapeutInnen als je zuvor. Das Verfahren hat sich in Psychosomatik und Psychiatrie bewährt. Die Perspektive auf eine Besserung der Bezahlung hat sich verschlechtert. Interesse an dem Europäischen Zertifikat für Psychotherapie bzw. Kooperationen mit den Körperpsychotherapeuten als letzte Hoffnungen auf eine Anerkennung des Verfahrens als Psychotherapie. Kooperation mit den künstlerischen Therapeuten mit der Überlegung ein neues Berufsbild außerhalb der Psychotherapie zu entwickeln. Engagement in Projekten zur Effektivitätsforschung.

Exkurs zum Dilemma der Berufsveterane
Was sind die Perspektiven der nun fünfzehn bis zwanzig Jahre tätigen TanztherapeutInnen?
In der heutigen Zeit ist es zu erwarten dass eine Tanztherapeutin mit einer Anstellung in einer Einrichtung des Gesundheitswesens, der Heilpädagogik oder des Bildungswesens, mit der gleichen Position ihre berufliche Laufbahn beendet, wie sie sie begonnen hatte. Es gibt so gut wie keine reguläre Aufstiegschancen innerhalb des eigenen Fachbereiches, da es meist nicht mehr als eine Tanztherapeutin pro Einrichtung gibt. Erfahrene Tanztherapeutinnen müssen es zuweilen hinnehmen, von Ärzten oder Psychologen, die selbst noch in der psychotherapeutischen Ausbildung stecken, "angeleitet" zu werden, weil seit dem PTG endgültig der Grundberuf und nicht die qualifizierte Weiterbildung der Platz in der Hierarchie bestimmt.
Oft lassen sie sich auf die Verführung ein, mehr Verantwortung und weitreichendere Aufgaben zu übernehmen, ohne dass diese Anerkennung ihrer Kompetenz in formaler oder finanzieller Honorierung vollzogen wird. Leitungsfunktionen werden verlangt aber nicht in der Stellenbeschreibung oder im Zeugnis festgehalten. Gräfin Flora von Spreti pflichtete ihre Erfahrung hierzu bei: Ihr Chef sagte einst zu ihr "Was arbeiten sie denn so viel, Sie können ja doch nicht habilitieren!" KollegInnen die Medizin oder Psychologie studierten, um Ihre Lage zu verbessern, erlebten meist, dass die tanztherapeutische Tätigkeit, durch anderen Aufgaben verdrängt wurde. Sich als LehrtherapeutIn, SupervisorIn oder AusbilderIn für Tanztherapie zu etablieren ist auch nur einer gewissen Zahl von Personen vorbehalten. Ist die Tanztherapie eine berufliche Sackgasse?
Ich glaube nein, sie ist nicht notwendigerweise eine Sackgasse. Immer mehr Kolleginnen berichten von reizvollen Gelegenheiten ihre gewachsenen Fähigkeiten würdig einzusetzen. Ob in Forschungsprojekten, bei der Organisation und Durchführung von Kongressen, in kulturellen Projekten, oder in der Entwicklung neuer Behandlungsprogramme für spezifische Krankheitsbilder, entscheidend ist das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein. Auch Leitungsfunktionen werden formal anerkannt, wenn der/die Betreffende diplomatisch aber beharrlich darauf besteht. Wir können einander darin stärken, Leistungen nicht unter Wert zu verkaufen, und traditionelle Strukturen zu durchbrechen. Wir wollen kämpfen für angemessene Rahmenbedingungen, denn die tanztherapeutische Arbeit an sich, ist ohne Zweifel befriedigend. Sie bietet uns, je nach Klientel, große Variations- und Entfaltungsmöglichkeiten, das Erfolgserlebnis ihrer offensichtlichen Wirksamkeit und eine besondere Intensität in der Begegnung mit Menschen.
Prospektive Zeichen in den Spuren der Vergangenheit:
Besinnung auf den künstlerischen Ursprung der Tanztherapie:
Statt den Weg zur Etablierung über die Heirat mit anderen Verfahren der Psychotherapie zu beschreiten, folgen manche berufspolitischer Bestrebungen die Spur der künstlerisch-therapeutischen Eigenschaft der Tanztherapie. In vielen Einrichtungen des Gesundheitswesens, wo frühe Störungen behandelt werden, sind künstlerische Therapien kaum noch weg zu denken, weil sie sich im praktischen Alltag als ökonomisch (viel erreichen in kurzer Zeit) erwiesen haben, wenngleich die wissenschaftlichen Effektivitätsstudien noch fehlen. Folgende Maßnahmen wären erforderlich, um diesen Weg weiter zu gehen:
- Eine kunstimmanente Theorie sollte entwickelt werden, in dem vorhandene Literatur ausgewertet wird, und die erfahrenen Pioniere ihr Wissen zu Papier bringen. Leider besteht noch eine recht große Kluft zwischen den Theoretikern an den Universitäten und Instituten und den Praktikern im Felde: meist weiß der eine wenig von dem Wissen des anderen.

- Eine eigene Theorie erfordert eine eigene Fachsprache. Diese sollte spezifisch und dennoch allgemeinverständlich sein, damit die Möglichkeit der Vermittlung des eigenen tuns an anderen gelingen kann. Die Versuche eine eigene Fachsprache zu entwerfen die mir bisher begegnet sind, wiesen meist eines von den folgenden Nachteilen auf: die männlichen Kollegen schrieben die Abgrenzung groß und neigten dazu Komplexität mit Wertigkeit zu vermischen, nach dem Motto, je komplizierter, umso wertvoller. Die weiblichen Kolleginnen nahmen eher eine vermittelnde Haltung ein und adoptierten Begriffe aus andere Paradigmen wie Chamäleons die Farbe ihre Umgebung. Sie bedachten nicht, dass sie damit eine Reihe von Implikationen und Assoziationen bei der Umwelt in Gang setzten, die sie weder intendiert hatten noch zustimmen würden.

- Wir benötigen den Mut, uns von anderen Paradigmen der Psychotherapie öffentlich abzugrenzen, bzw. aufzuzeigen, wo diese Paradigmen Konzepte der Tanztherapie nicht gerecht werden. Im diesem Sinne wäre es angemessen kund zu tun, was die Tanztherapie der Psychotherapie an Wissen anzubieten hat, beispielsweise über non-verbale Kommunikation.

- Wir benötigen den Mut, wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Disziplinen zu nutzen zur Erklärung der Wirkung unserer Disziplin. Hierzu sind insbesondere Bereiche geeignet die politisch nicht so stark in Konkurrenz zu unserer Disziplin stehen, zum Beispiel der Biologie oder der Physik. Sie stellen weniger Besitzansprüche, sondern erfreuen sich an der interdisziplinären Anwendung und Bereicherung.

- Es ist fraglich ob die zur Zeit gängigen Effektivitätsforschungsinstrumente die Effektivität der Tanztherapie messen können in seine wesentlichen Elemente. Ich habe erlebt wie Video aufnahmen transkribiert und die gesprochene Worte analysiert wurden, mit den üblichen Messinstrumenten, die für verbale Therapien entwickelt wurden. Das gesamte visuelle Material, die Bewegung an sich, verschwand ungenützt in einem Archiv. Eine methoden-gerechte Forschung würde die Effektivität der künstlerischen Therapien wie Tanztherapie wesentlich deutlicher hervorheben können. Solche Methoden sollten möglichst schon in der Ausbildung den angehenden TanztherapeutInnen vertraut gemacht werden.

Besinnung auf Adressaten der Tanztherapie:
Tanztherapie entstand in Amerika, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Psychisches Leiden wurde im Licht der Ereignisse als die soziale Verantwortung der Gesellschaft gesehen. Durch Veteranen und Flüchtlinge stieg der Bedarf an Psychotherapeutischer Behandlung, bei gleichzeitiger Zahlungswilligkeit der Versicherungen/der Betroffenen. Später wurde Gesundheit zur individuellen Verantwortung, und Krankheit, besonders die mit einer psychischen Komponente, zur Last für die Gesellschaft. Die Finanzielle Mittel für "Mental Health" wurden drastisch gekürzt. In Deutschland zeichnet sich eine ähnliche Tendenz ab.
Die Gesundheitspolitik können wir nicht kurzfristig ändern, also müssen wir neue Frontiere erschließen, um unsere Existenz zu sichern. Wenn wir uns heute fragen, welches Klientel Bedarf hat nach einer Therapieform wie der Tanztherapie, und verfügt über eigene oder öffentliche finanzielle Mittel, dann liegt die Antwort nicht in den traditionellen Feldern der Tanztherapie (Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin, Sonderpädagogik). Es sind die Krebskranken, die wachsende Zahl der an Erkrankungen des Alters leidenden Menschen, Rheumakranke, Trauma- und Verbrechensopfer.
Besinnung auf Extase und Form
Selbstverständlich ist die Beherrschung der Form, als Sinnbild für die wissenschaftliche Etablierung der Tanztherapie, von aktueller Bedeutung. Wir benötigen mehr schriftliche Dokumentation und Forschung unserer Arbeit, und die verbesserte Zugänglichkeit dieser Information für die Fachwelt.
Doch nicht nur der Fachmann sollte unser Adressat sein. Der "Jedermann" in Fachmann und Laie verdient unsere Aufmerksamkeit. Die Extase, die Freisetzung von Emotionen, ist als Vermarktungsstrategie nicht zu verschmähen. Peter Petersen spricht aus eigener Erfahrung wenn er sagt, "Der beste Weg zur Etablierung eines Verfahrens ist die erfolgreiche Behandlung eines Angehörigen der Machthaber!" Öffentlichkeitsarbeit die ergreift und die Potenz unseres Verfahrens vermittelt, kann die zahlenstärkste Lobby für die künstlerischen Therapien mobilisieren: die Patienten. Es ist meine Erfahrung, dass gut geschriebene, seriöse und ansprechende Berichte, die in den verschiedensten Medien die breite Öffentlichkeit erreichen, erstaunlich wirksam sein können für die Etablierung unseres Verfahrens.
Besinnung auf Spaltung und Einigung:
Die politische Geschichte der Tanztherapie ist gezeichnet von Wellen der Trennung und der Verbündung. Die vereinigte Gruppe der TanztherapeutInnen ist ein Konstrukt, der notwendig wird, wenn politischer Einfluss von der Zahl der Personen die an einem Projekt beteiligt sind abhängt. Dieses Konstrukt bleibt im gewissen Maße eine heterogene Gruppe, die nach Spaltung drängt wenn Differenzen in dem Selbstverständnis oder die Interessen der einzelnen zum tragen kommen.
Wenn wir tolerant sein können, gegenüber scheinbar "Abtrünnigen", gewähren wir ihnen die Wendigkeit und Handlungsbeschleunigung, die eine geringere Personenzahl mit sich bringt. Um Innovationen einzuführen, kann man nicht auf die Zustimmung aller warten, sonst ist eine Gelegenheit womöglich bereits passé. Wir sollten nicht so kränkbar und neidisch sein, dass wir uns guten Projekten nicht anschließen oder sogar unterordnen.
Warnung vor dem Modellnarzissmus:
Für die zukünftige Bestreitung der Berufspolitik der Tanztherapie ist es notwendig, parallel zu der weiteren Differenzierung der Methodik in den verschiedenen Ansätzen, eine verstärkte Klärung der gemeinsamen Grundprinzipien und der Terminologie zu erreichen. Nur so können Tanztherapeutinnen sich mit einander identifizieren und sich für berufspolitische Zwecke zu der größt möglichen Lobby ihre Zunft vereinen. Die Arbeit von Imke Fiedler zur Vereinheitlichung der Kestenberg Terminologie ist ein Beispiel dafür.
Ein inhaltlicher Austausch zwischen Instituten zur Formulierung von inhaltlichen Standards, und Foren wo Methoden kritisch hinterfragt und korrigiert werden, sind noch einzurichten. Im Zuge der Bewerbung für die Anerkennung als psychotherapeutisches Verfahren, im European Association for Psychotherapy, könnten Hemmschwellen abgebaut werden, weil alle gemeinsam an einer Darstellung der Tanztherapie mitarbeiten.
Besinnung auf den Pioniergeist:
Wir haben in zwanzig Jahren des Kampfes viel erreicht, und stehen in mancherlei Hinsicht noch am Anfang. Das Psychotherapeutengesetz stellte den Sinn einer Ausbildung zur Tanztherapeutin zunächst in Frage. Doch Patienten und Therapeuten haben sich nicht beirren lassen. Im Evolutionsprozess ist keine Spezies jemals endgültig sicher in ihrem Fortbestehen. Zähigkeit und Adaptivität sind erforderlich in der Eiszeit. Wenn wir künftigen Ausbildungskandidaten keine falsche Sicherheit vorgaukeln, sondern sie reizen mit der Herausforderung einer Pionieraufgabe, flößen wir ihnen eine Haltung ein, was sie stärkt und vorbereitet auf den Arbeitsmarkt in seiner Wirklichkeit. Statt ein Versagensgefühl entsteht dann ein Wissen um die Wertschätzung ihres Dauerkampfes. Für Wally Kaechele kam eine solche Wertschätzung überraschend, von außerhalb der Tanztherapieszene, als im Jahr 2000 ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande in Schloss Bellevue verliehen wurde, für ihr Lebenswerk zur Förderung der Tanztherapie. Für viele TanztherapeutInnen war dieses Ereignis eine Ermutigung.
Der Berufsverband, und neuerdings das Internet, stellten Foren dar, durch die wir Netzwerke bilden und Überlebensstrategien austauschen können.
Besinnung auf inspirierende und beschützende Orte des Lernens:
Auf dem Monte Verità konnte der Ausdruckstanz wachsen, stark werden, und dann in die Welt hinaus gehen. Am Langen Institut und anderswo wird die Anerkennung der Ausbildung in Tanztherapie als Hochschulstudium angestrebt. Auf diesem Wege wäre ein Rahmen gegeben für Grundlagen Forschung und die Forschung der Effektivität. Die Gestaltung der Ausbildung könnte freier werden von finanziellen Zwängen der Privatwirtschaft und die Teilnahme für begabte aber weniger bemittelte Kandidaten möglich. Unser Wissen könnte sich endlich von dem Niveau "Ringelpietz mit Anfassen" verabschieden. Bis das dieser kollektive Traum in Erfüllung geht, setzen ihn mehrere Kollegen und Kolleginnen individuell um, in dem sie eine Promotion zum Thema Tanztherapie, in einem anderen Fachbereich, angehen. Eine neu-artige Generation von Tanztherapeuten und Tanztherapeutinnen ist im werden.
Wie ist der Generationswechsel in der Tanztherapie zu vollziehen und ihr Fortbestehen zu sichern? Nach dem Motto: Beweglich bleiben!
Literatur
Bach. (1933). Das Mary Wigmann Werk. Dresden.
Bruno, C. (1990). Maintaining a Concept of the Dance in Dance/Movement Therapy. In: American Journal of Dance Therapy, 12, 101-113.
Levy, F.J. (1988). Dance/Movement Therapy- A Healing Art. Reston Virginia: The American Alliance for Health, Physical Education, Recreation and Dance.
Peter-Bolaender, M. (1992).Tanz und Imagination: Verwirklichung des Selbst im künstlerischen und pädagogisch-therapeutischen Prozeß. Paderborn: Junfermann.
Abstract in English
The History of Dance Therapy in Germany:
The Search for Orientation for the Future in the Traces of the Past.
The origins of modern expressive dance in the Persons of Isadora Duncan, Rudolf von Laban and Mary Wigman and in the location of the Monte Verità, Ascona, followed by a brief narrative of the history of dance therapy in the United States, lead to the introduction of the Pioneers in Germany. The Development of theoretical and methodological principles, the course of events in career politics and a discussion of the situation of the eldest generation of dance therapists find consideration in the reflections on the past. Orientation for the future draws upon the following traces of the past: the origin of dance therapy in the arts; the consideration of populations that are able to finance dance therapy treatment; the balance between controlling formality and liberating extasy, as manifested in evidence based research and emotionally moving case studies, respectively; the tolerance for both splitting and unification as qualities of political action; the dangers of Paradigm-Narcissism, the need for a pioneer spirit and the advantages of protected, inspiring places of learning.
Ein Vortrag von Marianne Eberhard-Kaechele, Wissenschaftliche Leiterin des Langen Instituts
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