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Gestaltung der Bewegtheit mit Metapher in der Tanz- und Ausdruckstherapie Marianne Eberhard, Tanz- und Ausdruckstherapeutin BTD, Wissenschaftliche Leiterin am Langen Institut für Tanz- und Ausdruckstherapie
I. Einstimmendes "Wenn wir Form und Ordnung im künstlerischen Handeln einführen, fördern wir eine höhere Ebene menschlicher Artikulation. Dies ist der Prozess der Heilung - die Flucht aus der emotiven Fragmentierung hin zum schöpferischen Akt der Ganzwerdung. Unser inneres Leben in all seiner Tiefe und seinem Reichtum erhält Kohärenz und wird nach außen präsentiert als gestaltete Form. Auf diese Weise helfen wir unseren Patienten, ihre innere Realität mit Schönheit zu artikulieren. Dies ist die Manifestation des Ästhetischen." (Aldridge 1990 S. 195) "Tiefer als in einer Aufführung kann sich Kunst wohl kaum auf das Leben einlassen, weiter als hier sich ihm wohl kaum annähern." (Erika Fischer-Lichte 2004) "Betrachtet man die Psychopathologie aus klinischer Sicht, so besteht die Hauptaufgabe darin, den (narrativen) Ausgangspunkt zu finden - die Schlüsselmetapher(n)... . Was den Zugang zu den "Urfassungen" aus dem Säuglingsalter letztlich versperrt, ist wohl die Übertragung in den verbalen Modus. Dies stellt jedoch weder eine Verdrängung noch eine Entstellung im dynamischen Sinne dar." (Stern 1992, S. 363) II. Definitorisches
II. 1. Tanztherapie Tanztherapie ist ein psychotherapeutisch ausgerichtetes Verfahren, welches sowohl am Körper des Patienten als auch an den kreativen Prozessen, die sich in der Therapie ereignen, ansetzt. Ausgehend von der Tatsache, dass Körper und Psyche in Wechselwirkung miteinander stehen, kann Bewegung zur Dekodierung (Diagnostik) und zur Enkodierung (Intervention) von psychischen Informationen und Strukturen dienen. (Eberhard 2003) Anders als in verbal orientierten Verfahren werden Tanz und Bewegung dazu verwendet, den therapeutischen Prozess in Gang zu setzen, ihn zu strukturieren und bis zum Ende durchzuarbeiten. Verbale Reflexion wird als Mittel zur Förderung der Bewusstwerdung und Integration von Bewegungserfahrung, dem Adressaten und dem tanztherapeutischen Ansatz entsprechend, unterschiedlich intensiv genutzt. Tanztherapie unterscheidet sich von anderen körpertherapeutischen Verfahren durch spezielle Techniken, die aus ihrem tanz-künstlerischen Ursprung entstanden sind, wie u. a. die Bewegungsanalyse und Gestaltungsprozesse. Dieser Aspekt verbindet die Tanztherapie mit anderen künstlerischen Therapien. Die Rolle des Patienten ist durch kreative Aktion geprägt: das Bewegen/Tanzen als solches ist Vehikel therapeutischer Veränderung. In dieser Auffassung divergiert die Tanztherapie von Verfahren, die das Erspüren von oder das sprechen über dem Körper in den Mittelpunkt der Intervention stellen. Die wichtigste Form von Therapeutenverhalten für die Gestaltung der therapeutischen Beziehung ist das Interagieren in der Bewegung, entsprechend dem strukturellen Niveau des Patienten. (Eberhard 1997)
II.2 Die klassische Definition der Metapher Die klassische Definition der Metapher stammt aus dem griechischen metaphérein (übertragen). In der Metapher wird eine Form der Substitution, der Übertragung eines Ausdrucks aus einem ursprünglichen in einen neuen, fremden Kontext, gefunden. Metaphern tragen Kodierungen von Wahrnehmung und Vorstellung von Welt in sich und stellen damit einen Experimentierbereich menschlicher Vorstellungskraft dar. Sie ermöglichen nicht nur Analogien, sondern einen Brückenschlag zwischen den Bereichen des Wissens und denen des Fühlens. (Saß, 2002) Eine Metapher in der Sprachwissenschaft ist der Vergleich zweier ungleicher Dinge unter Verwendung des Verbs "sein” - im Unterschied zum Gleichnis, bei dem der Vergleich durch die Verwendung von "als” oder "wie” ausgedrückt wird. Das Phänomen ist bei der Metapher nah, verdichtet, gegenwärtig. Linguistisch werden Metaphern des Weiteren an Hand der Begriffe Ziel (das was Beschrieben werden soll) und Quelle (das was genutzt wird, um das Ziel zu Beschreiben) analysiert. Häufig finden Körperphänomene metaphorische Verwendung in der Alltagssprache. Zum Beispiel: Weitere Analysekriterien aus der Linguistik sind die Begriffe Grund und Spannung. Der Grund besteht aus den Ähnlichkeiten zwischen dem Ziel und der Quelle der Metapher. Die Spannung der Metapher besteht hingegen aus den Ungleichheiten zwischen Ziel und Quelle. Die Begriffe Ziel, Quelle, Grund und Spannung bieten selbst einen Reiz zur Verwendung als Metapher bzw. dazu, Metaphern therapeutisch weiter zu erforschen.
II.3. In der Bewegung ist eine Metapher die Verschmelzung zweier Phänomene im Erleben In der Bewegung ist eine Metapher die Verschmelzung zweier Phänomene im Erleben. (vgl. Karkou 2006, S. 59) (Zum Beispiel kann das Erlebnis, das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen in der Therapiesitzung unter Umständen mit dem Erleben gleichgesetzt werden, in der Biographie aus dem seelischen Gleichgewicht gekommen zu sein und einen Nervenzusammenbruch erlitten zu haben.) Die Funktion einer Bewegungsmetapher geht über das Repräsentieren einer Sache (Symbol) hinaus und schafft eine neue Realität. In unserem Beispiel findet ein Kontrollverlust in einem bestimmten Moment real statt und zeigt sich in der entsprechenden emotionalen Bewegtheit der Beteiligten. Eine Metapher in der Bewegung kann spontan entstehen und eventuell nicht vom Betroffenen, sondern nur von Außenstehenden, bemerkt werden. (zum Beispiel, das Fallenlassen eines Stabs bei der Bewegung entspricht ein Verlust an Kompetenz und Macht im Beruf nach dem Motto "das Zepter aus der Hand geben".) Sie kann auch bewusst gestaltet werden, und von dieser Form handelt dieser Aufsatz. Eine Bewegungsmetapher als technisches Werkzeug in der Tanztherapie, nutzt die gestaltete Bewegung als Quelle, um ein dem Zielphänomen vergleichbares Empfinden hervorzurufen. Die Gestaltung und Aufführung einer Bewegungsmetapher ist Selbst-referenziell: es ist nicht nur das Abbild von etwas, sondern im Moment der Aufführung ist es die Sache selbst. (vgl. Fischer-Lichte 2004). Abgrenzung zu Symbol: Ein Symbol ist eine Repräsentanz von oder ein Zeichen für etwas anderes. Das Zeichen kann das Ziel durch gemeinsame Eigenschaften von Zeichen und Ziel (zum Beispiel eine runde Bewegung als Symbol für die Sonne) symbolisieren. Andererseits können das Zeichen und das Ziel auch auf andere Weise verbunden werden - nicht etwa durch Wesensgleichheit, sondern durch Konventionen (z.B. Ein Kreis, gebildet mit Daumen und Zeigefinger steht für "O.K., alles in Ordnung!") bzw. konsistente individuelle Assoziation (z.B. Eine runde Bewegung dient mir als Symbol für Geborgenheit — weil ich das so bestimme und es konsequent so verwende). (Vgl. Karkou S.57) In der Bewegung stellt das Symbol eine Verbindung zu etwas her, wobei gleichzeitig eine gewisse Distanz erhalten wird. Durch eine Metapher hingegen wird diese Distanz überwunden, was Vor- und Nachteile haben kann. Abgrenzung zu Imagination: Eine Imagination ist eine innere Repräsentanz von Objekten oder Ereignissen, die innerhalb der Körpergrenzen stattfindet und willkürlich, ohne äußeren Stimulus, erzeugt werden kann. Sie beruht auf sinnliche Erfahrungen und kann jede sinnesbezogene Gestalt haben, d.h. Imaginationen können bildlich, akustisch, kinästhetisch, olfaktorisch usw. beschaffen sein. (Karkou 2006, S.55, Damasio 2004, S. 20) Therapeuten können die Imaginationen ihrer PatientInnen nicht direkt wahrnehmen, sondern lediglich deren Folgen, es sei denn, eine Patientin bringt ihre Imagination verbal oder nonverbal zum Ausdruck. Manche Patienten konnten ihre Symbolisierungsfähigkeit im Laufe ihrer Biographie gut entwickeln. Sie sind nun bereits in der Lage, durch einen Hinweis, eine bestimmte Sache zu imaginieren, oder mit Hilfe eines angebotenen symbolischen Reizes, eine neue Erfahrung zu machen oder unbewusstes psychisches Material und Erinnerungen zu erschließen und zu bearbeiten. (Zum Beispiel, Th: "Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre pessimistischen Gedanken mit einer Geste wegschieben!" Oder Th: "Dieser Stab könnte im übertragenen Sinne Ihr Rückgrat symbolisieren. Setzen Sie ihn nun in einem symbolischen Tanz mit Ihren Chef ein!") Patienten, deren Symbolisierungsfähigkeit nicht verfügbar ist, werden eher mit konkreten, sinnlichen Erfahrungen in Form von Metaphern unterstützt. (Zum Beispiel, Th: "Eine Mitpatientin stärkt Ihren Rücken mit so viel Druck, wie sie benötigen, während Sie mit einer anderen Mitpatientin kämpfen, die versucht, Sie in die Ecke zu drängen, so wie Sie den Zeitdruck im Beruf beschrieben haben.) Bewegungsmetaphern können besonders für traumatisierte Personen, die mit imaginativen Stabilisierungsübungen nicht zu Recht kommen, hilfreich sein.
II.4. Zur Abstraktion Metaphern erfordern eine gewisse Abstraktionstätigkeit. Als Abstraktion (von lat. abstrahere: abziehen, wegziehen) bezeichnet man den Prozess der rationalen Verarbeitung von konkretem Sinnesmaterial, wobei von bestimmten äußeren, individuellen oder zufälligen Merkmalen, Eigenschaften und Beziehungen des betreffenden Objekts abgesehen wird, wohingegen andere, allgemeingültige (evtl. unsichtbare) strukturelle Eigenschaften als wesentlich herausgehoben und zugleich variabel oder modellhaft betrachtet werden. (Wikipedia) Bewegungsmetaphern sind abstrakter als Rollenspiele im üblichen Sinn. Es wird im Idealfall nicht "die Mutter" dargestellt, sondern die Qualität der Mutter (zum Beispiel "die Aufdringlichkeit") welche viele andere Wesen und Phänomene ebenfalls haben könnten. Eine Wissensstruktur ist abstrakt, wenn sie im Gedächtnis auf eine Weise gespeichert wird, die von einer bestimmten Domäne von Erfahrung oder Wissen unabhängig ist. Eine Abstraktion enkodiert beispielsweise Beziehungsinformationen, während sie über die Sachverhalte, die in Beziehung stehen, schweigt. Zur Illustration besagt die Definition des Konzeptes "parallel”, dass die Beziehung zwischen mehreren Entitäten räumlich in gleicher Richtung und stets im gleichen Abstand bzw. zeitgleich und / oder in ähnlicher Weise neben etwas anderem verlaufe. Jedoch lässt diese Definition offen, ob diese Entitäten Bahnschienen, Tänzer, Gedanken oder Arbeitsabläufe sind. (Ohlsson & Regan 2001) Die Abstraktion von Erfahrung und Wissen erlaubt es, Informationen, die aus verschiedenen Domänen gewonnen wurden, miteinander zu kombinieren. Diese Fähigkeit ist die Basis der Kreativität, die eine der bestimmenden Eigenschaften menschlicher Kognition ist. Wenn im Alltag das spezifische Wissen über einen Sachverhalt nicht ausreicht, um eine Lösung zu erarbeiten, greift eine Person auf ihr Repertoire von Abstraktionen zurück. (Ohlsson & Regan 2001) Die Vermutung liegt nahe, dass die Größe des Repertoires von Abstraktionen Auswirkungen auf die Bewältigungskompetenz der Person hat. Dieses Prinzip ist der Grundstein der Bewegungsanalyse und Ausdruckstanzpädagogik von Rudolf von Laban. III. Geschichtliches Alle Vertreter der Tanztherapie nutzen in ihrer Arbeit Symbole oder Metaphern in irgendeiner Weise. Die hier vorgestellte Form der Verwendung von Bewegungsmetaphern stammt von Prof. Julianna Lau, der ersten Lehrstuhlinhaberin für Tanztherapie in Kanada, bei der ich meine Ausbildung erhielt. Leider verfasste sie nie etwas Schriftliches über diese Arbeitsweise. Insofern ich es nachvollziehen kann, wurde ihre tanztherapeutische Arbeit mit Bewegungsmetaphern durch folgende Quellen gespeist:
Im Unterschied zu Chace nutzte Lau ihre Technik der Bewegungsmetapher, um PatientInnen, die der Therapeutin zunächst verbal begegneten, in die Bewegung einzuführen, bzw. um gruppendynamische oder alltägliche Phänomene, welche die therapeutische Arbeit tangierten, in die Bewegungsbeziehung einzubringen. Ihr ging es nicht, wie Chace, um den Fokus auf einzelne, bereits vorhandene Bewegungsfragmente, sondern um die Übersetzung komplexerer Phänomene und Erfahrungen in eine einfache, verdichtete Bewegungsstruktur, die als Metapher für die ursprüngliche Sache diente. Insofern könnte Laus Absicht eher als Enkodierung bezeichnet werden, wobei der Prozess im weiteren Verlauf oft zur Dekodierung tieferer Schichten biographischer Erfahrungen führte. Beispiel: Besonders wichtig bei der Gestaltung der Bewegungsmetapher im Sinne Laus ist, dass die Metapher den Ist-Zustand, das Dilemma, den Konflikt darstellen soll, und nicht der Soll-Zustand oder die Lösung. Die Lösung soll während der Improvisationsphase im weiteren Verlauf, aus der spontanen Bewegung hervorgehen. Dieses Vorgehen beruht auf der Vorstellung, dass, wenn eine Situation vollständig wahrgenommen werden kann, die Person durch die metaphorische Situation in der Wahl ihre Reaktion frei ist und letztlich die impliziten Ressourcen der Person durch die körperliche Ebene angeregt werden, sich die Lösungen von selbst ergeben. IV. Praktisches
IV.1. Die Technik der Gestaltung der Bewegtheit mit Bewegungsmetaphern besteht aus 7 bis 8 Schritten
IV.2. Variante der Bewegungsmetapher-Technik nach Steve Harvey Steve Harvey (1990) nutzt Bewegungsmetaphern bei Familien mit kleinen Kindern, bei denen eine verbale Erschließung der Themen und Konflikte selten angemessen ist. Seine besonderen klinischen Schwerpunkte sind Fälle von Gewalt-Erfahrungen (auch sexuelle Gewalt), Adoption und Milieuschädigungen. Bei Harvey durchläuft der Prozess der Verarbeitung folgende Schritte:
Harveys Prozess entspricht dem Prozess der Abstraktion bei Entdeckung und Lernen / Problemlösung welche von Ohlsson und Regan erforscht wurde. (2001, S.247-248 "activation, assembly and articulation") Darin wirken die drei Komponenten Aktivierung, Aufbau und Artikulation wechselseitig, parallel und zyklisch auf einander ein, um eine neue Entdeckung oder Lösung zu ermöglichen: Das Repertoire an gespeicherten Abstraktionen wird aktiviert (Harveys Schritt 1) während verschiedene Strukturen daraus aufgebaut werden (Harveys Schritte 2 und 3). Durch versuchte Anwendung oder Artikulation der Strukturen werden in einem weiteren Schritt zusätzliche Informationen gesammelt oder aktiviert (Harveys Schritte 4 bis 6). Harvey sieht Kreativität als die Generierung von Wahlmöglichkeiten und die Individuation innerhalb eines sozialen Kontextes. Die Kompetenz, Optionen erkennen und nutzen zu können, ist für ihn die Basis des "freien Willens". Die Generierung vielfältiger Optionen zur Lösung von Konflikten dient den PatientInnen als Meta-Lösung, die dauerhaft und auf unzählige verschiedene Prozesse angewendet werden kann. Die mühsame Entwicklung einer einzelnen Lösung für eine spezifische Konstellation ist dagegen schnell überholt, sobald sich Bedingungen ändern.
IV.3. Technische Finessen
Beispiel:
IV.4. Ergänzende Maßnahmen vor / während / nach der Arbeit mit Bewegungsmetaphern
IV.5. Schritte zur Aktivierung der kinästhetischen Imagination Nach Dosamantes-Alperson (1981 in Karkou 2006) können folgende Schritte hilfreich sein, für PatientInnen, die noch keinen Zugang zur Entwicklung von Metaphern aus der oder für die Bewegung haben.
IV.6. Distribution der Verantwortung für die Strukturierung von Bewegungsmetaphern Folgende Varianten für die Verteilung der Verantwortung können differenziert werden:
Die Wahl, welche dieser 4 Möglichkeiten eingesetzt werden sollte, hängt mit dem psychischen Strukturierungsgrad der PatientInnen und dem Zeitpunkt im therapeutischen Prozess zusammen. Als Faustregel gilt: Verfügt die Patientin über wenige intrapsychischen Strukturen, oder befindet sie sich früh im Verarbeitungsprozess, sollte man eher mit den ersten beiden Möglichkeiten arbeiten und je strukturierter die Patientin ist, bzw. je später im Prozess, sollte man mit den letzen drei Möglichkeiten arbeiten. Im Idealfall internalisieren die Patienten dann nicht nur die Metaphern die sie gestaltet haben, sondern auch die Erfahrung des Meisterns und der Autonomie die entstehen, wenn sie selbst gestalten können. Eventuell ist bei der Arbeit der geläufigere Begriff des Regisseurs aus dem Theater, für die Beteiligten weniger befremdlich, als der Begriff Choreograph aus dem Tanzbereich.
IV.7. Mit dem Körper sprechen: Potentiale in der Bewegung der Therapeutin Eine wesentliche Interventionstechnik in der Tanz- und Ausdruckstherapie ist das Zur-Verfügung-Stellen der Bewegung der Therapeutin bei der Gestaltung, besonders in der Einzeltherapie oder wenn keiner in der Gruppe sich traut, eine bestimmte unliebsame oder heikle Qualität zu verkörpern.
IV.8. Nutzung der verbalen Sprache Eine genaue Analyse der sprachlichen Äußerungen der Patienten kann bei der Entwicklung der Metapher sehr hilfreich sein. Es sollte besonders Acht gegeben werden auf Aspekte wie:
IV.9. Arbeit mit Inneren Kräfte vs. Introjekte Oft stellen die Kräfte oder Instanzen, die von PatientInnen beschrieben werden, Anteile von Bezugspersonen dar, welche durch Identifikationsprozesse verinnerlich wurden, und nun ein Teil der Psyche dieser Patienten ausmachen. Diese Anteile wieder zu externalisieren und zu personifizieren ermöglicht eine Distanzierung und Neu-Bewertung der Botschaft dieser Anteile, und somit eine mögliche Veränderung im Denken, Fühlen, und Handeln. Ziel solcher Prozesse ist die Transformation von zerstörerischen inneren Kräften in beschützende, versorgende Kräfte und ihre Reintegration in die Gesamtpersönlichkeit. (vgl. Goodman & Peters 1995) V. Theoretisches
V.1. Wirkungen Die Wirkung von Bewegungsmetapher basiert auf dialektischen Beziehungen zwischen:
Weitere Wirkungen:
V.2. Nebenwirkungen " ... Metaphern mögen als Formen der Beschreibung wertvoll sein, aber sie sind erzeugte Beschreibungen und damit nicht neutral oder wertfrei. Metaphern sind sowohl beschreibend wie transformierend. Sie formen, formen um oder verformen das, was wir zu begreifen streben, und erlauben dabei einigen dieser Möglichkeiten oder Potentialen sich zu offenbaren. Aber diese Transformationen schließen zahlreiche unbekannte Möglichkeiten und Potentiale aus. So sehr Metaphern es uns auch erlauben zu "sehen", erreichen sie das doch nur dadurch, dass sie dem Grenzen setzen, was gesehen wird und wie es gesehen wird. Wenn jede Metapher einen Spiegel darstellt, bietet sie auch einen Hammer, um alle anderen potentiellen Spiegel zu zertrümmern, welche, in verschiedenen Winkeln platziert, miteinander im Wettbewerb stehende oder widersprüchliche transformative Metaphern hervorrufen könnten." (Spinelli 2002, p. 41 übersetzt von M. Eberhard) Metaphern können demnach als Katalysatoren, aber nicht als finite Wahrheiten im therapeutischen Prozess betrachtet werden. Wir müssen jederzeit für Neuinterpretationen offen sein und regelmäßig reflektieren, ob die Gestaltungsprozesse der Abwehr oder der Erkenntnis und Integration von zuvor abgespaltene Aspekte der Person dienen.
V.3. Gedanken zur Wirkweise
V.4. Metapher sind verkörpertes Wissen (Embodiment Theory) Die Verkörperungs-Hypothese (embodiment hypothesis) liefert eine Erklärung für unsere Beobachtung, dass die therapeutische Arbeit mit Bewegungsmetaphern die kognitive Verarbeitung von Erfahrungen unterstützt. Viele neue Entwicklungen in der Kognitionsforschung sind durch die Hypothese motiviert, dass der Geist durch Strukturen entsprechend den biologischen, anatomischen, biochemischen und neurophysiologischen Eigenschaften des Körpers konstituiert, begrenzt und organisiert wird. Sprachliche Symbolisierungsprozesse zeigen deutliche Verbindungen zur Verkörperungs-Hypothese auf - besonders im Bereich der Metapher. Menschen bezeichnen systematisch abstrakte Ideen, Gedanken, religiösen Glauben, politische und ethische Situationen mit Begriffen der Körperfunktionen und -Bewegungen. (Beispiel: Die Lehrjahre gehen schnell vorbei. Das Böse greift um sich. Er hat die Kritik nicht verdaut.) Die Verkörperungstheorie behauptet, die Wahl des Körpers als Quelle für Metaphern ist nicht willkürlich, sondern die natürliche Folge der Struktur des Geistes. (Rohrer 1995) In der Tanztherapie folgen wir den natürlichen, körpergebunden Prozessen bei der Bearbeitung von psychischen Defiziten oder Konflikten. Die Tanztherapeutin und Psychologin Sabine Koch (2006, in Druck) stellt fest, dass Theorien des Embodiment die Speicherung und das Abrufen jeder Form von Wissen als an sensorische, motorische und erlebnisorientierte Zustände gebunden sehen. (z.B. Damasio, 1989; Rizzolatti, Fadiga, Fogassi, & Gallese, 2002). Die Erinnerung oder das Erkennen entsteht also durch ein partielles Simulieren sensorischer, motorischer und erlebnisorientierter Zustände, die zur fraglichen Zeit aktiv waren (vgl. auch Engelkamp 2004; Lakoff & Johnson 1999; Varela, Thompson, & Rosch 1991). Bewegungsmetaphern zielen genau auf die Aktivierung dieser Zustände. Metaphern erfüllen lebenserhaltende Funktionen wie Affektregulation und Kategorisierung. Auf der Suche nach den Mechanismen der Affektregulation entdeckten die Säuglingsforscher Judith Kestenberg und Daniel Stern, dass Emotionen und die Repräsentanzen von Beziehungserfahrungen sich aus abstrakten Gestaltungsmerkmalen zusammensetzen. Kestenberg (1965) verwertete die Bewegungsanalyse nach Laban und Lamb und nannte sie Spannungsfluss-Eigenschaften (wie Intensität, Zeitstruktur, Fluktuation), die sich zu komplexen Kombinationsformen, wie Zustände oder Antriebsaktionen, gruppieren. Stern (1992) nutzte die Begriffe Wahrnehmungseigenschaften (wie Dauer, Intensität), Vitalitätsaffekte (wie aufwallend, sich hinziehend, explosionsartig) und kategoriale Affekte (wie zornig, traurig, froh) sowie generalisierte Interaktionsrepräsentationen (RIGs = representations of interactions that have been generalised). (Eberhard 2004)
Es ist anzunehmen, dass der Gebrauch von Metaphern und Analogien aus sub-menschlichen (also auch von Tieren zu leistenden) Kapazitäten wie Mustererkennung, Kategorisierung, Vergleich und Nachahmung entstanden ist. Menschen und Tiere sichern damit ihr überleben, indem sie auf dieser Basis entscheiden, wie sie mit einem Objekt, dem sie begegnen, umgehen: essen, entfliehen, umsorgen, sich damit paaren, ignorieren usw. (The Open University UK, 2004) Sabina Pauen (2005) konnte mit ihrer Säuglingsforschung Sterns (1992) Hypothesen belegen, die besagt, dass bereits Kleinstkinder differenziert wahrnehmen, Ähnlichkeiten zwischen Reizen abstrahieren und ihre Erfahrungen in Kategorien ordnen. Kinder können Informationen präverbal repräsentieren und Zusammenhänge zwischen Erfahrungen herstellen, lange bevor sie sprechen können. Diese so genannte empirische oder implizite Abstraktion (Clancey 2001) ist eine essentielle und basale Kompetenz eines jeden Menschen, und somit von der formellen Abstraktion wie Aristoteles, Locke oder Piaget sie als Kennzeichen einer gehobenen Stufe kognitiver Leistungsfähigkeit konzipierten zu unterscheiden. (vgl. van Oers 2001) Die Arbeit mit Bewegungsmetaphern spiegelt die vorbewussten Kategorisierungsprozesse der PatientInnen wieder und ermöglicht eine Überwindung von erstarrten Kategorisierungen (Übertragungen) und eine flexiblere, regulatorische Verwendung vorhandener Informationen. Schluss Künstlerische Prozesse sind Ordnungsprozesse. Jedes Kunstwerk, wie auch eine Bewegungsmetapher, ist ein materialisierter Prozess der Ordnungsbildung. Jede Therapie versucht, die für die eigene Lebensgestaltung nicht passenden inneren Ordnungen in passfähigere zu verwandeln. Immer ist der Gestaltungsprozess auch ein Ausloten der eigenen Grenzen und ein Stück Selbstüberwindung. (Völker 1997)
Hinweis:
Literatur: Aldridge, A. (1996) The Body, its Politics, Posture and Poetics. The Arts in Psychotherapy. Vol. 23, No. 2 pp 105 - 112. Aldridge, A. (1990) Toward a common language among the creative art therapies. The Arts in Psychotherapy. Vol. 17, pp 189 - 195. Clancey, W. (2001) Is Abstraction a Kind of Idea? Or: How Conceptualisation works. In: Strube, G. (Hrsg.) Damasio, A. (2004) Ich fühle also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. Berlin: List Verlag. Eberhard, M. (2005) Spuren der Bewegtheit: Kongruenzen der Sprachen von Zeichnung und Bewegung tiefenpsychologisch betrachtet. In: Titze, D., Hrsg. Aus der Mitte - (Band 1) Die Kunst der Kunst Therapie. Dresden: Michel Sandstein. Eberhard, M. (2004) Mit dem Körper Sprechen. Körpertherapie bei Somatoformen Störungen. Vortrag anlässlich der Psychotherapietage NRW, Bad Salzuflen. Eberhard, M.(2003) Tanztherapie: Indikationsstellung, Wirkfaktoren, Ziele. In: Landschaftsverband Rheinland, Hrsg.: Kreativtherapien: Wissenschaftliche Akzente und Tendenzen. Pulheim: Rhein-Eifel-Mosel. Eberhard-Kaechele, M. (2003) A Sounding Board for the Soul: The Aesthetic Response of the Therapist in the context of a clinic for psychosomatics and psychotherapy in Germany. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Zu finden in der Datenbank des European Graduate School, Leuk, Schweiz. Eberhard, M. (1997) Tanz- und Ausdruckstherapie. In: Österreichische Gesellschaft für Medizinische Psychologie, Psychotherapie und Psychosomatik, Hrsg.: Psychologie in der Medizin. 8. Jahrgang 1997, Nummer 2. WUV - Universitätsverlag. Fischer-Lichte, E. (2004) Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Goodman, L. und Peters, J. (1995) Verfolger-Persönlichkeiten, und Ego-States: Beschützer, Freunde und Verbündete in Dissociation, Vol. VIII Nr. 2, Juni, S. 91 ff) Harvey, S. (1990) Dynamic Play Therapy: An Integrative Expressive Arts Approach to the Family Therapy of Young Children. The Arts in Psychotherapy Vol. 17, pp 239-246 Karkou, V und Sanderson, P. (2006) Arts Therapies. A Research Based Map of the Field. Edinburgh: Elsevier. Koch, S. (2006 in Druck) Embodiment Ansätze in den künstlerischen Therapien. Ohlsson, S., Regan, S. (2001) A Function for Abstract Ideas in Conceptual Discovery and Learning. In: Strube, G. (Hrsg.) Cognitive Science Quarterly Vol. 1 No. 3-4/200-2001, S. 243 - 278. Paris: Hermes Science Publications. Pauen, S. (2005) Wie lernen Babys? Vortragsfolien veröffentlicht im Internet von den Lindauer Psychotherapiewochen. Rohrer T (1995) The cognitive science of metaphor from philosophy to neuropsychology. Saß, J. (2002) Die Organisation als pulsierender Kollektivkörper Schottenloher, G. (1994) Wenn Worte fehlen, sprechen Bilder. München: Kösel Van Oers, B.(2001) Contextualisation für Abstraction. In: Strube, G. (Hrsg.) Cognitive Science Quarterly Vol. 1 No. 3-4/200-2001, S. 243 - 278. Paris: Hermes Science Publications. Völker, S. (1997) Hochschule für Bildende Künste Dresden. Abschlussbericht für den Modellversuch "Kunst-Therapeutische Zusatzqualifikation für Bildende Künstler". Unveröffentlichtes Manuskript. Wellendorf, E. (1990) Die inneren Bilder des Therapeuten und ihre Bedeutung für die Therapie, Synchrones Geschehen in der Therapie. In: Petersen, P (Hrsg.) Ansätze kunsttherapeutischer Forschung. Springer, Berlin
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