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Veröffentlichungen

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Wally Kaechele - Urgestein oder Urmutter?
Auch eine Pionierin der Tanztherapie in Deutschland.

Ein Gespräch und seine gesellschaftlichen Hintergründe: hin und zurück in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ...

von Sabine Trautmann-Voigt

aus: "Zeitschrift für Tanztherapie - Körperpsychotherapie", Ausgabe 21/22.2005

» Einleitung
» Der erste Eindruck
» Wie konnte eine Mutation vom Gesellschaftstanz zur Tanztherapie stattfinden?
» Von den Formen zu den Polaritäten
» Der familiäre Hintergrund
» Über die Philosophie 'normaler Menschlichkeit'
» Der Weg nach Kanada und zurück
Zeitschrift für Tanztherapie - Körperpsychotherapie

Wally Kaechele - Urgestein oder Urmutter? Wally Kaechele - Urgestein oder Urmutter?

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Einleitung

Wally Kaechele ist in ihrem Grundberuf Tanzlehrerin und eine der ersten Deutschen, die sich in Kanada tanztherapeutisch ausbilden ließ. Seit Mitte der 1950er Jahre leitete sie mit ihrem Mann zusammen Tanzschulen in Düsseldorf und Opladen. Nach der Geburt ihres Sohnes 1956 und Ihrer Ehescheidung in den 60er Jahren folgte der Aufbau weiterer Tanzschulen an verschiedenen Standorten in NRW.

Sie beschritt zudem einen unakademischen Weg' und entwickelte aus den festgefügten gesellschaftlichen Strukturen der 60er Jahre heraus erste Ideen über einen freieren Gesellschaftstanz, der hierzulande zu den Anfängen von klinisch angewandter Tanztherapie und zu ersten Ausbildungskonzeptionen für Tanztherapeutinnen führte.

An Wally Kaecheles Biographie zeigt sich der interessante Beginn deutscher tanztherapeutischer Institutionalisierungsbemühungen außerhalb klinischer Anwendungsbereiche und außerhalb universitärer Strukturen. W. Kaechele gründete das Langen Institut für Tanz- und Ausdruckstherapie, das 18 Jahre lang in Monheim ansässig war und die erste Vollzeitausbildung für Tanztherapie in Deutschland anbot.

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Der erste Eindruck

Ein kleiner weißer Hund namens Lucky, der durch die Gegend wedelt, empfängt uns an der Tür. Wally Kaechele ist eine außergewöhnliche Frau, erst 74 Jahre jung; sie lässt uns in die außergewöhnliche Atmosphäre ihrer stilvoll in zartgelb eingerichteten Wohnung in Opladen eintreten, direkt neben ihrer ersten Tanzschule - von außen noch ein Gebäude, das an das Flair der 60er Jahre erinnert. Wir hören die Musik einer Rumba von nebenan und finden uns zu einem üppigen Abendessen eingeladen.

Diese Atmosphäre lässt uns kurz in die 'vor-tanztherapeutische Zeit' eintauchen.

Wie waren diese 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Tanzlehrerin Wally Kaechele mit ihrer "fröhlichen Bewegungstherapie" auf dem Parkett begann und erste Vorläufer für die Tanztherapie in Deutschland entwickelte:

  • 1961: Erster bemannter Flug in den Weltraum (UdSSR), Bau der Berliner Mauer, Max Frisch schreibt "Andorra"

  • 1962: Kuba-Krise

  • 1963: Eskalation des USA-Engagements in Vietnam. Ermordung Kennedys, Notstand im Bildungswesen, v. a. an deutschen Hochschulen, Rolf Hochhuth schreibt: "Der Stellvertreter"

  • 1965: Ralf Dahrendorf schreibt: "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland", Errichtung und Planung neuer Unis (Bochum, Konstanz, Regensburg), erste Protestaktionen der Studentenschaft gegen die "etablierte Gesellschaft", "autoritäre Strukturen", "Statussymbole", "Leistungszwänge" in Staat Justiz, Bildungswesen, Kirche und Wirtschaft.

  • 1966-1969: Wichtige Veröffentlichungen der kritischen Frankfurter Schule: Marcuse: "Repressive Toleranz" und "Der eindimensionale Mensch"; Adorno: "Negative Dialektik"; Mitscherlich: "Die Unfähigkeit zu trauern"; Horkheimer: "Kritische Theorie". Peter Weiß schreibt: "Die Ermittlung"

  • ab 1967: Wirtschaftsrezession in der BRD, Arbeitslosenziffer steigt. Neue Idole in der Jugend: Marx, Lenin, Trotzki, Che Guevara, Ho Tschi-min. Studentenunruhen beim Schahbesuch in Berlin, Bildung von ersten Studentenkommunen

  • 1968: Notstandsgesetze, Militärische Intervention der UdSSR in der Tschechoslowakei, Eskalationen studentischer Protestaktionen (APO), Basis- und Undergroundgruppen

  • 1969: Landung amerikanischer Astronauten auf dem Mond. Wiederkehr der Hochkonjunktur in der BRD, Erprobung neuer Hochschulgesetze, Ideologische Spaltung der organisierten Studentenschaft in Anarchisten und gemäßigte Revolutionäre. Jürgen Habermas schreibt: "Protestbewegung und Hochschulreform"

  • Ab Anfang der 70er: starke Expansionsbewegungen, sowohl wirtschaftlicher als auch urlaubsmäßiger Art vor allem in die USA und nach Kanada: Übernahme US-amerikanischer Leitbilder von Flower Power über Tanztherapie bis zu Mac Donald.

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Wie konnte eine Mutation vom Gesellschaftstanz zur Tanztherapie stattfinden?

W. K.: Ich freue mich so, dass Ihr über mich in der Zeitschrift für Tanztherapie berichten wollt, weil ich diese Anerkennung nicht erwartet habe!

Ich habe ja viele Jahrzehnte an der Basis gekämpft und immer versucht, diese Tanztherapie, die einmal als 'fröhliche Bewegungstherapie' begann, der Ärzteschaft ab den 60ern und Anfang der 70er Jahre nahe zu bringen! Und jetzt erlebe ich, mehr als 30 Jahre später, so viel Anerkennung! Das hätte ich nicht gedacht!

 

S. Tr.-V.: Wie kam es, dass Du aus dem Gesellschaftstanz heraus die Idee der Tanztherapie gefunden hast?

W. K.: Gefunden ist gut, ja! Ich fand es immer ganz, ganz schlimm, dass dicke, dünne, lange, kleine oder große Mädchen und junge oder ältere Frauen, alle in gleicher Weise. z.B. in den lateinamerikanischen Tänzen, so um die Herren herumwandern mussten. Ich konnte so nicht weiter unterrichten in diesen festgefügten Schrittmustern! Und ich habe dann solch ein Glück gehabt mit meiner "Bewegungstherapie auf dem Parkett", - so hieß das zu aller erst, als ich Tanzlehrerin war. Ich versuchte damals in den Tanzschulen ein anderes Bewegungsangebot zu machen, das heißt, nicht nur Paartanztänze und dieses bewusste Zählen beizubringen, das nur über den Kopf geht, sondern ich versuchte, die Herzen der Menschen zu erreichen!

Theodor W. Adorno:
"Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus. Dazu passt die Bereitschaft, andere Menschen als amorphe Masse zu behandeln..."

 

S. Tr.-V.: Wie kam denn die Öffentlichkeit darauf? Du wurdest ja sehr schnell in Deutschland populär mit deiner Idee, neue Formen freier Bewegung in den Gesellschaftstanz zu integrieren!

W. K.: Da kamen eben dann, - und das war ja das eigentlich Erstaunliche in dieser Zeit - die Ärzte dahinter! Die Allgemeinmediziner waren mit die ersten, die etwas dazu geschrieben haben in der Ärztezeitung, ein paar Seiten Beschreibung über dieses neueste Angebot - einen Vorläufer der Tanztherapie. Dann kam das Interesse über die Patienten selbst, die eine neue Entspannung und eine neue Art der Begegnung im Paartanz spürten. Sie erzählten davon eben auch ihren Ärzten, denn etwas veränderte sich offensichtlich: z.B. ließen Spannungskopfschmerzen nach, oder Rückenprobleme verschwanden wie durch ein Wunder. Dazu kamen dann die Presseveröffentlichungen, bekannte Blätter wie "Life", die fanden, das Tanzen sei wirklich gut für viele Patienten! Also im Grunde genommen habe ich das Glück gehabt, dass zu dieser Zeit die "Brigitte", die "Bunte" und noch andere bekannte Illustrierte, die es heute noch gibt - auch die "Neue Gesundheit" - nicht nur kleine Artikel geschrieben haben, sondern seitenweise mit Bildmaterial immer wieder auf diese neue Idee, die dann zur Tanztherapie wurde, hingewiesen haben. Diese Berichterstattungen wurden zumeist von Medizinjournalisten in den entsprechenden Rubriken unter 'Medizin' und 'Psychologie' veröffentlicht.

Aber man hat zu jener Zeit noch sehr offen gelassen, wie sich das Ganze nennen sollte: Es ging immer um "die Erfindung, die die Wally Kaechele in Deutschland gemacht hat mit ihrer 'fröhlichen Tanzgymnastik' auf dem Parkett". So oder ähnlich wurde das dann auch in den ersten Fernsehsendungen genannt, was ich da ausprobierte. Also habe ich es am Anfang der Tanztherapie viel einfacher gehabt als es manchmal heute mit der Öffentlichkeitsarbeit ist: Viele Leute kamen zu uns in die Tanzschulen, weil vor allen Dingen eben die Ärzteschaft sehr, sehr aufmerksam gemacht wurde, dass es da dieses kreative Tanzen gab, das einfach Vorstellungsbilder entstehen ließ und Mut machte, sich dann auch dazu tänzerisch zu äußern.

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Von den Formen zu den Polaritäten

 

S. Tr.-V.: Waren das zu Beginn eher Angebote für junge Paare, die Anfängerkurse in der Tanzschule buchten und Neues suchten?

W. K.: Nein, ich bot diese kreativen Tänze, die Improvisationen und Bewegungsspiele nach und nach für viele Altersgruppen an. Das brachte einfach der Erfolg dieser Fernsehsendungen mit sich, und eine Zeitung schrieb sogar, dass diese Bewegungen wohl besonders für Senioren gedacht seien, weil die Senioren so begeisterte Briefe geschrieben hätten. Daraufhin gab es dann sogar Wiederholungen der Fernsehsendungen in Österreich! Und hier habe ich von Kindern Briefe und Bilder bekommen, - und das fand ich so entzückend - dass die Kinder ihre Vorstellungsbilder, die sie von mir im Fernsehen gesehen haben, auch übernommen und das dann mit der Oma und dem Opa getanzt haben!

 

S. Tr.-V.: Du hast sehr früh in der Tanzschule auch schon mit Kindern gearbeitet. Was hast Du den Kindern angeboten?

W. K.: Ich habe neben den Vorstellungsbildern viel mit Sprachspielen improvisiert: z.B. das Anstehen, das Zustehen, das Vorstehen, das Überstehen, das Dahinterstehen, das Drunterstehen, Beistehen, Danebenstehen, Beiseitenehmen usw.. So etwas habe ich jahrelang gesammelt, einfach alles, um mit der Sprache auch wieder in die Bewegung zu kommen. Wenn man also Märchen erzählt oder Legenden oder auch Dinge erfindet, die man in Bewegung übersetzen kann, so kann man das über die Sprache vermitteln. Kinder können in eine Gefühlswelt eintauchen, sodass sie selbst erspüren, was in ihnen vorgeht. Im Grunde genommen nutzte ich auch in der Sprache die Gegensätzlichkeiten, die Polaritäten, sie sind natürlich in der Sprache genau so zu finden wie auf der Bewegungsebene: eng und weit, offen und geschlossen, nah und fern usw.. Und wenn ich das jetzt in einem Märchen oder in einer Geschichte verpacke, dann können auch Kinder problemlos ihre Gefühle zeigen.

 

S. Tr.-V.: Könntest Du solch ein konkretes Vorstellungsbild, wie du es damals dargestellt hast. beschreiben?

W. K.: Einfache Vorstellungsbilder sind häufig Alltagsbewegungen, also z.B. Wischbewegungen, wie Staubwischen oder Haare kämmen, oder ich ließ Zahlen imaginieren: eine Acht, die liegt auf der Couch, man könnte sich vorstellen, dass man die Acht dann da hinlegt, wieder aufhebt, hochwirft... Oder die Zahl 2, die ich in die Luft male und die als Schwan langsam oder schnell Kreise auf dem See zieht. Die 3, die als Schlange um mich herum schlängelt, oben und unten. Die 6, die sich als Schnecke ein- und ausrollt. Alle Zahlen von 1-10 habe ich als "Zahlenballett" immer wieder vielen Menschen in der Bewegung nahe gebracht, ebenso alle Buchstaben tanzen lassen. Denken wir einmal darüber nach, wie viele behinderte und alte Menschen, die zum Teil nur noch sitzen oder liegen können, oft nur noch über Vorstellungsbilder angeregt werden können, ihre Gefühle mit ihren noch verbliebenen Bewegungsmöglichkeiten auszudrücken! Ich habe es sehr oft miterleben dürfen, wie beglückend es für sie war, die Entdeckung zu machen: "Ich kann ja noch tanzen!"

Oder dass man einfach sagt, die Vögel, die da draußen vorbei fliegen, die machen ganz schnelle Flügelbewegungen, die machen wir dann mit den Händen nach - oder eben halt die ganz großen Vögel machen wesentlich größere Bewegungen. Und wegen dieser Einfachheit der Vorstellungsbilder, die ich immer benutzt habe, haben das die Leute sofort gekonnt, auch die, die ohne jegliches Tanzverständnis herkamen. Da ging nichts mehr nach dem Motto: 'Zwei Schritte vor. Zwei zurück, jetzt schließen wir, oder jetzt heben oder senken wir!' Da kann man eben nicht viel mit machen! Aber wenn man jemandem sagt: "Stellen Sie sich Ähren im Wind vor oder einen Baum, der nach rechts und links schwingt, weil der Wind ihn umpustet", dann haben die Menschen ganz andere Beziehungen zu einer Bewegung. Und so habe ich im Grunde genommen angefangen alle Tanzformen zu untersuchen: Was kann man sich eigentlich zu einem Cha Cha Cha oder einem Blues oder zu Rumba oder Tango vorstellen? Musik löst auch Bewegungen mit aus. Und wenn ich also jetzt eine sehr starke Musik nehme, nehmen wir einen Marsch, dann ist klar, dass dieser Marsch auch etwas anderes an Bewegung fordert, als wenn ich eine sanfte Melodie nehme: Musik weckt auch Vorstellungen.

In unseren Kinderklassen am Nachmittag wurde ebenso klassisches Ballett, Ausdruckstanz, spielerisches Tanzen und Rhythmik unterrichtet. Auch hier habe ich ein neues Angebot eingerichtet, vor allen Dingen am Vormittag für Vorschulkinder, das 'Kinderschiff'. Ich glaube, es würde stundenlang dauern aufzuzählen, was alles damit möglich ist, wie viel verschiedene "Reiseziele" erreicht werden können. Was gibt es da nicht alles gemeinsam unterwegs zu entdecken, die große weite Bewegungswelt kennen zu lernen! Die 'Kinderschiffsbesatzung' bestand aus einer Tanzlehrerin und Rhythmikerin, also das war ich, einer Ärztin und einer Psychologin. Wir übernahmen jeweils nach einer ausgiebigen Stundenplanung die Gestaltung der Schiffsreise. Ich, als Tanzlehrerin, machte intermediale Angebote im Bewegungsbereich. Die Ärztin, Frau Dr. med. Gisela Eberlein, die damalige Präsidentin der Gesellschaft für Gesundheitsvorsorge, vermittelte in spannenden Geschichten (- sie hat übrigens auch Fachbücher geschrieben und konnte zauberhaft erzählen...-) Frage- und Antwortspiele. Sie baute Gesundheitsvorsorgeinformationen und Tipps mit ein. Außerdem verpackte sie eine Abwandlung des Autogenen Trainings in Märchen, um den Kindern die Entspannungsmethode von klein auf nahe zu bringen. Die Psychologin übernahm Rollenspiele und Puppenspiele. Das ganze ist etwas gewesen, was man heute als ein ganzheitliches Konzept' bezeichnen würde, es wurde bei uns ab 1971 umgesetzt.

25 Millionen Kinder und Jugendliche unter 25 Jahren lebten in den 60er Jahren in Deutschland, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Diese Jugend konnte erstmals die Freiheiten eines demokratischen Rechtsstaates genießen und ihre Meinung frei äußern. Sie konnte sich in Gruppen zusammenschließen und konsumieren. Sie konnte sich frei bewegen und wollte die Erstarrung ihrer Elterngeneration - der Kriegsgeneration - überwinden.

H.W. Opaschowsky schrieb in den "Frankfurter Heften" (1969, S. 869): "Die von 300.000 Jugendlichen besuchte "Teenage fair" im August 1969 in Düsseldorf, die mit Beat, Pop, Show und Action "Sympathiewerbung" und " Nachwuchspflege" betrieb, war ein Beweis für die neue Finanzkraft der Jugendlichen. Etwa 24 Milliarden Mark haben die 14-24-Jährigen jährlich zur Verfügung!"

 

S. Tr.-V.: Also ging es Dir mehr um Phantasie und Ausdrucksbewegungen in einem weiteren Sinne. Damit sind wir natürlich schon ganz nah dran an möglichen therapeutischen Themen, wiewohl in den Jahren des Aufschwungs die Normalbevölkerung kaum an Therapie dachte! Vielleicht könntest du an dieser Stelle sagen, wie Du auf solche Ideen, die sich bei Dir noch ganz im Zeichen des Zeitgeistes als 'Partytänze' abspielten, andererseits schon freies Bewegen und Improvisation enthielten, überhaupt gekommen bist?

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Der familiäre Hintergrund

W. K.: Wir waren zu Hause vier Mädchen in der Familie, meine Mutter spielte phantastisch Klavier, mein Vater sang, wir machten 'Hauskonzerte'. Alle vier waren wir in einer Jugendmusikschule und in einer Tanzschule bei Hilda Senf - die war eine Wigmann-Schülerin. Wir haben nicht nur Weihnachten mal ein Lied gesungen, sondern wenn wir unsere Schularbeiten gemacht hatten, haben wir musiziert und selbstverständlich auch getanzt. Man kann nicht, wenn man musiziert als Kind, nur streng einfach da sitzen oder stehen, es kommt dann der Tanz dazu! Wir haben eben sehr viel mit Ausdruck hantiert.

Ich habe gerne gemalt. Während des Krieges war unsere Familie auseinander gerissen, mein Vater arbeitete weiterhin als Architekt in Düsseldorf. Meine älteste Schwester hatte das Notabitur gemacht und wurde nach Magdeburg zur Wehrmacht eingezogen. Wir anderen Schwestern waren mit unserem gesamten Gymnasium nach Bayern, später nach Thüringen in die Kinderlandverschickung verlegt worden. Während dieser Zeit bis zum Kriegsende hatten wir durch das Leben innerhalb dieser großen Schulgemeinschaft natürlich auch vieles an Gemeinsamkeit und Kreativität erleben dürfen. Nach dem Krieg und nach der Rückkehr habe ich neben meinem Schulbesuch in der Freizeit gemalt und kunstgewerbliche Gegenstände hergestellt und auch verkauft und damit auch zu unserem Familienunterhalt beigetragen, was damals für uns eine wichtige Einnahmequelle war. Die Freude an der Malerei hat mich auch später nicht losgelassen. Mein Wunsch damals, Bühnen- und Kostümbildnerin zu werden, brachte mich dazu, in Richtung Meisterschule und Kunstakademie weiter zu machen.

Also bin ich mit der Kunst und der Musik groß geworden und eigentlich in der Umkehrung erst durch die Heirat mit einem Tanzlehrer in die strengeren Formen des Turniertanzes hineingekommen.

 

S. Tr.-V.: Du hast ja eigentlich schon etwas von dem gemacht, was man heute 'intermedialen Transfer' nennt. Intermodal, intermedial: das sind Begriffe, die auch den Transfer von der Sprache in die Bewegung oder ins Bild beinhalten, dieses Hin- und Herschwingen zwischen den Künsten. Das hast du zunächst eben in Deinem Setting, in der Tanzschule, vermittelt, wo noch?

W. K.: Richtig! Mein Mann hatte ja Medizin studiert, also Sportmedizin, wollte aber immer Tanzlehrer werden, hat es dann auch gegen den Willen seiner Eltern gemacht. Wir hatten in Düsseldorf und in Opladen Tanzschulen. Ich bin dann als Tanzlehrerin ausgebildet worden, aber ich habe immer versucht, mir noch etwas Neues dazu auszudenken. In dieser Phase habe ich Partytänze kreiert und sogar Preise gemacht in Amerika und in Frankreich, zunächst mit diesen Party- und Modetänzen, die ich erfunden hatte und die man nicht unbedingt paarweise tanzen musste.

Die Tanztherapie musste dann einfach kommen, weil ich von Anfang an hier auch mit Randgruppen gearbeitet habe. Das heißt, ich habe in der Altstadt in einer Schule in Düsseldorf angefangen mit verhaltensgestörten Kindern zu tanzen, dann im St. Agnesheim mit Umsiedlern und schwer erziehbaren Mädchen. Später mit geistig behinderten Menschen, mit Rollstuhlfahrern, das war in den 60ern, da hat noch kein Mensch hier von der Tanztherapie etwas gewusst. Ich war damals eine der Ersten in Deutschland und Holland, die sich für Bewegung und Tanz für Rollstuhlfahrer eingesetzt hat.

Auch diesen Menschen konnten wir über - heute würde man sagen: Improvisationsaufgaben - neue Anregungen geben. Aber besonders beeindruckt hat mich meine Zeit in Dortmund an der Gehörlosenschule. Ich habe einfach gesagt, ich möchte dort mit den Gehörlosen tanzen, die keine Musik hören können, nur durch rhythmische Bewegungen, die wir auf dem Boden machten oder an den Wänden einfach den Rhythmus mit den Händen erfahren konnten. Ich habe immer versucht, das, was für mich mit Lebensfreude verbunden war, an Menschen weiter zu geben, die nicht in eine Tanzschule gehen konnten. Später hat sich das auf die Volkshochschulen ausgedehnt und über die Städte und die Gemeinden hat sich das einfach verbreitet.

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Über die Philosophie 'normaler Menschlichkeit'

 

S. Tr.-V.: Wo hast du die Lebensenergie, die auch jetzt spürbar wird, her?

W. K.: Im Grunde genommen ist das ganz einfach beantwortet. Ich habe an all den Dingen so viel Freude, Sabine, dass ich diese Freude weiter geben möchte! Ohne dass ich mir jetzt selbst auf die Schulter klopfe, habe ich einfach immer wieder entdeckt, dass ich in der Lage bin, Menschen zu begeistern. Das heißt, ganz gleich, wo ich hingegangen bin, ob das in einem Altenheim war oder bei den Gehörlosen oder bei den Rollstuhlfahrern, ich glaube, ich konnte immer ein wenig Lebensmut vermitteln, allein schon durch die direkte Ansprache und durch die Idee eine Gemeinschaft in der Bewegung zu bilden. Das haben mir die Menschen einfach abgenommen. Heute würde man dazu "die kommunikative Ebene in der Tanztherapie" sagen.

 

S. Tr.-V.: Gab es in Deiner Familie einen besonderen Drang, mit positiver Lebensenergie nach vorne zu gehen? Dein Ansatz klingt erfrischend optimistisch, sehr positiv, und ich denke, so etwas hat ja eine Wurzel - trotz oder gerade wegen der berichteten Erlebnisse aus den Kriegsjahren, oder?

W. K.: Ich habe mir diese Frage des Öfteren gestellt: Woher habe ich diese Lust, Menschen zu begeistern und mich zu engagieren und zu sagen: "Das Bewegen ist das Richtige, auch wenn es vorher vielleicht leidvoll oder schrecklich im Leben war". Woher nehme ich den Mut, immer wieder daran zu glauben und zu formulieren: "Sie werden erleben, wie schön es ist, mit Menschen in der Bewegung Begegnungen zu haben."? Ich weiß es nicht. Das wird wahrscheinlich immer so bleiben, bis ich mal sterbe, weil ich einfach in meinen eigenen vielen Aufs und Abs, die ich überstanden habe, immer wieder auf eine zufriedene und sehr liebevolle Familie zurück greifen konnte. Jeder Mensch kann ein Stückchen Glück immer wieder erfahren, wenn er gewillt ist, das auch anzunehmen von anderen Menschen. Glück bedeutet für mich natürlich auch, dass ich die Gegensätzlichkeit in mir habe, dass ich auch mal losheulen kann oder wütend werde: Das kann ich auch, dass ich einem um die Ohren hauen möchte, aber das gehört eben dazu... Ich sehe meine Aufgabe heute noch darin, dass ich das, was ich an Begabung mitbekommen habe, auch einfach weitergeben muss an andere, die vielleicht nicht so viel Glück hatten wie ich. Aber das hat nichts mit dem Helfersyndrom zu tun!

John F. Kennedy:
"Ich weiß, dass die Zeit Erneuerung braucht, Erfindungsgeist, neue Vorstellungen und Entscheidungen. Mein Ruf gilt jenen, die ungeachtet ihres Alters jung im Herzen sind, die im Geist lebendig sind, denn Mut, nicht Selbstzufriedenheit ist das, was wir heute brauchen."

 

S. Tr.-V.: Ich habe das auch nicht so verstanden. Wieso hast Du ausgerechnet mit Partytänzen begonnen? Das hat Dir später viel Kritik eingebracht und manche Kollegen dazu verführt, Deine Arbeit nicht ernst zu nehmen, weil sie ja vordergründig auch wirklich nichts mit dem zu tun hatte, was wir heute in klinischen Feldern unter Tanztherapie verstehen.

W. K: Ich war die erste, die in Deutschland hier überhaupt gesagt hat: "Warum müssen immer Paare zusammen tanzen?". Es gibt so viele Ehefrauen, die keine Ehemänner mehr haben. Es gibt so viele lustlose Ehemänner. Warum dürfen nicht Frauen mit Frauen tanzen? Das habe ich in den frühen 60ern nur über nicht-gebundene Tänze geschafft, über die Freiheit nebeneinander zu stehen, nicht immer voreinander stehen zu müssen. Da kam das Loslassen von dem Zwanghaften. Die Paare, die sich vorher ausgeschimpft haben, bekamen sich auch deshalb in die Haare, weil sie derart normiert und verhalten tanzen mussten, weil sie hinein gepresst wurden in Normen, von denen sie sich eigentlich befreien wollten! Und das ist der Grund dafür, dass ich anfing über 'Single-Kurse' mehr und mehr zur freien Bewegung zu kommen. Das nannte sich in der Tat zu Beginn "Fröhliche Bewegungstherapie auf dem Parkett". Fröhliche Bewegungstherapie entspricht praktisch dem, was wir heute in der Tanztherapie als freies oder themenorientiertes Aufwärmen bezeichnen und woraus sich dann psychische Themen ableiten lassen.

 

S. Tr.-V.: Wie ist das Fernsehen auf Dich gekommen? Wie ist man auf Dich aufmerksam geworden?

W. K.: Das war 1971 zum ersten Mal nach verschiedenen Presseveröffentlichungen und einem Radiointerview mit mir. Die 'Neue Rheinzeitung' hatte im Juni 1970 geschrieben: "Tanze um dein Leben, tanze dich gesund! Das sind die Slogans einer weltweiten Aktion, die jetzt auch in der Bundesrepublik anläuft und an der die Leverkusener Ärztin Dr. Gisela Eberlein und die Opladener Tanzlehrerin Wally Kaechele maßgeblich beteiligt sind: Bewegungstherapie auf dem Parkett". Oder in einem anderen Artikel: "Sich regen ist gesund". In der 'Rheinischen Post', auch 1970, hieß es: "Tatsächlich kann man diese Tänze als Ersatz für Gymnastik ansehen.... Seitdem Wally Kaechele die Bewegungstherapie auf dem Parkett propagierte. sind zahlreiche Ärzte auf sie aufmerksam geworden..." usw.

Ein Fernsehteam besuchte uns danach in unserer Tanzschule und filmte an zwei Drehtagen den Kurs "Tanz als Bewegungstherapie". Dieser Beitrag wurde dann im Rahmen des WDR in einem Frauenmagazin ausgestrahlt, was wiederum zur Folge hatte, dass viele Zuschaueranfragen und entsprechende weitere Veröffentlichungen erfolgten.

Da in den folgenden Jahren über die großen Tanzkongresse und -tagungen in Deutschland, Österreich und Holland, wo ich Vorträge und Seminare hielt immer wieder in Wort und Bild berichtet wurde, kam dann auch das ZDF im Jahr 1973 in unser Haus und brachte eine Sendung, die einen Riesenerfolg hatte. Es war eine Pilotsendung, das Publikum hat geschrieben und geschrieben und geschrieben. Daraufhin hat sich das Fernsehen entschieden eine Serie mit zunächst sechs Sendungen zu machen. Ich habe den Leuten am Fernsehschirm gezeigt, was sie machen können. Sie konnten sogar im Bett liegen bleiben. Sie konnten auch sitzen bleiben. Ich habe die Leute aufgefordert, sich frei zu bewegen, jeden, der vor dem Fernseher saß! Daher kam es ja nachher, dass nicht nur Senioren, für die das Ganze gedacht war, sondern auch Kinder und ihre Eltern mitgemacht haben!

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Der Weg nach Kanada und zurück

 

S. Tr.-V.: Wo war dann der Übergang für Dich, dieses, was zunächst aus den Partytänzen entstanden war und als Fernsehanimation begonnen hatte, zur Tanztherapie weiter zu entwickeln und die erste Schule für Tanztherapie in Deutschland zu gründen?

W. K.: Ich wurde 1977 eingeladen von der ADTA, die einen Welttanzkongress in Toronto, Kanada mit dem Thema "Dance as Prophylaxis" veranstaltete. Das war der erste Weltkongress, zu dem Deutsche und Europäer eingeladen wurden. Juliana Lau hatte die Ausschreibung gemacht. Dann hatten diese kanadischen Organisatoren in Deutschland zunächst die Allgemeinärzte angeschrieben, ob es Tanztherapie hier schon gäbe. Und die Ärzte haben geantwortet, ja, es gäbe hier eine Tanztherapeutin, die Wally Kaechele.

 

S. Tr.-V.: Und so bist Du dann zur ADTA gefahren und hast 'nen Workshop gemacht?

W. K.: Ich bin nicht allein nach Toronto geflogen, sondern die Einladung wurde erweitert auf Frau Dr. Eberlein, die durch ihre Rundfunksendungen sehr bekannt war und außerdem Hufelandpreisträgerin war. Wir hatten ja seit Mitte der 60er Jahre zusammen gearbeitet und auch Tagungen und Vortragsreisen in vielen Städten gemeinsam abgehalten. Ich war selbst auch viele Jahre im Vorstand der DGGV (Dt. Ges. für Gesundheitsvorsorge). 1974 haben wir beide eine LP bei Electrola herausgebracht: 'Das Gesundheitsmagazin - Ärztin und Tanzlehrerin Hand in Hand'. Ich habe in Kanada einen Vortrag zu Theorie und Praxis der Prophylaxe durch Tanz gehalten mit Vorstellungsbildern und mit Musik von unserer LP. Außerdem habe ich über meine Arbeit hier in Deutschland berichtet. Frau Eberlein ist dann in ihrem Vortrag aus medizinischer Sicht darauf eingegangen und auf die positiven Erfahrungen ihrer Patienten mit der "fröhlichen Bewegungstherapie". Es war ein großer Erfolg, und die vielen Rückfragen im Nachhinein haben gezeigt, wie groß der Bedarf nach so etwas damals war.

 

S. Tr.-V.: Das, was Du berichtest, ist meiner Einschätzung nach heute mit der gängigen Idee vieler therapeutischer Verfahren zu vergleichen, Patienten positive Erlebnisse - auch durch Tanz und Bewegung - zur Stabilisierung und auch zur Ressourcengewinnung zu ermöglichen. Wie fast immer, kommt die Theoriebildung meist aus einer erprobenden Praxis, die lange vorher schon ausgeübt wurde!

W. K.: Ja, das sehe ich auch so, diese Worte: 'Stabilisierung' z.B.. kannten wird damals noch nicht. Es ging alles aus dem Ausprobieren in der Arbeit mit den Menschen hervor, und das, was wir da machten, wurde zunächst auch so einfach wie möglich beschrieben.

 

S. Tr.-V.: Dort, in Kanada, hast Du Juliana Lau näher kennen gelernt?

W. K.: Ja, und ich habe mich dort an der Universität zu Sommerkursen eingeschrieben. Dann bin ich drei Jahre lang, immer im Sommer, vier Wochen nach Kanada gefahren und habe die dortige Tanztherapie erfahren und bin Mitglied der ADTA geworden.

 

S. Tr.-V.: In allen bisherigen Informationen über Deinen Werdegang heißt es: "Zufälligerweise war die Wally Kaechele mal in Kanada und hat dann die Tanztherapie mitgebracht." Das war wohl doch etwas anders: Du hast Deine frühen Ideen in Kanada vorgestellt und hast dann einen cross-kulturellen Austausch mit der dortigen Tanztherapie-Szene eingeleitet?!

W. K.: Ja, so könnte man das wohl bezeichnen. Dass ich natürlich anfangs weder mit Freud, Jung, Adler, Moreno, und anderen Theorie-Größen argumentiert habe, ist auch richtig! Das sind alles nachträgliche Aspekte gewesen, die ich mir nach 1977 angeeignet habe in Deutschland und in Kanada. Aber bis dato hatte ich auch meine 'fröhliche Bewegungstherapie' nie als Tanztherapie verkauft!

Und Juliana Lau wurde bereits eineinhalb Jahre später, 1979, zu dem Internationalen ADTV-Kongress der Tanzlehrer nach Deutschland eingeladen. Ihr Eröffnungsvortrag "Einführung in die Tanztherapie" war so lebendig und überzeugend vorgetragen, dass die über 800 anwesenden Teilnehmer und die zahlreich erschienenen Pressevertreter begeistert waren. Im selben Jahr fand auch der 1. internationale Tanztherapiekongress auf Menorca statt. Im Jahr 1980 folgte der 2. Kongress mit über 100 Teilnehmern auf der Insel Ibiza. 1981 folgte Korfu. Die Kongresse wurden immer von Ärzten und Tanztherapie-Interessierten gemeinsam ausgerichtet: Juliana war jeweils eine der Referentinnen. Später folgte 1988 eine Einladung zu den Psychotherapiewochen in Lindau, und Juliana und ich hielten gemeinsam ein Seminar ab. Du siehst, Sabine, der cross-kulturelle Austausch hat uns auch hier in Sachen Tanztherapie ein gutes Stück weiter gebracht.

 

S. Tr.-V.: Das heißt, Du hast Dir über die kanadische Ausbildung letzten Endes das tanztherapeutische Basiswissen aus den Staaten und die grundlegende psychologische Theorie angeeignet und bist dabei auch noch so ganz nebenbei an eine Schwiegertochter gekommen?

W. K.: Ja, das war nun eine ganz spezielle Sache! Juliana Lau hat damals auch Dance-Alive-Tanzkonzerte gegeben. Sie hatte dabei dann eine gewisse Marianne Eberhardt, ihre beste Studentin, Musiker und andere professionelle Tänzer. Die tanzten erst auf der Bühne und nachher mit dem Publikum. So tanzte also nachher der ganze Saal. Es war so üblich, so wurden diese Konzerte von Juliana Lau einfach auch an die Öffentlichkeit gebracht. Und ich habe mir so eins angesehen und war hin und her gerissen von dieser jungen Frau. Da sagte Juliana: "Wally, die Marianne ist dann und dann fertig, und es wäre doch eine gute Idee, wenn du sie mal als Gast in Deutschland hättest!" Und so kam es. dass Juliana und Marianne ab 1979/80 dann zwei bis drei Mal im Jahr zu uns kamen und zuerst in Oberstdorf und dann in Düsseldorf Kurse gab. Da habe ich übrigens auch Carry Rick kennen gelernt.

 

S. Tr.-V.: Und Carry Rick hat auch bei dir gearbeitet?

W. K.: Ja, ich habe bei ihm ein Tanzseminar im Remscheid besucht, denn mit der Landesarbeitsgemeinschaft für Tanz habe ich auch vor etwa 40 Jahren gearbeitet und war dann und wann auch selbst als Teilnehmerin dort. Er hatte damals keine Ahnung von der Tanztherapie, aber als Tänzer war ich hin und hergerissen von ihm, von seiner Art, wie er das machte. Ich habe ihn als Tanzpädagogen haben wollen an unsere Dietrich-Langen-Schule! Er hatte sich damals nach Frankreich zurückgezogen und leitete dort ein kleines Institut. Von 1977 bis 1982 war ich ja stark mit Juliana verhaftet, aber nun wollte ich eine eigene Schule aufmachen und bin nach Frankreich gefahren und habe Carry gesucht, ich hatte nur eine vage Adresse auf dem Land. Und stell Dir vor: Ich habe es geschafft! Er kam für zwei Jahre nach Monheim! 1983 - 1985 unterrichtete er an unserer Schule in Monheim.

 

S. Tr.-V.: Wie kam es dann zur Gründung dieser ersten Schule für Tanztherapie in Deutschland? Da waren doch damals auch schon Sibylle Scharff-Widder und Erika Kletti, die heute am FITT arbeiten, und Susanne Bender, die damals in Köln arbeitete, dabei?

W. K.: Die Dietrich-Langen-Schule ist 1983 gegründet worden. Davor hielten wir eben mehrwöchige Dance-Alive-Kurse an verschiedenen Orten mit Juliana, Marianne und mir ab. Susanne kannte ich als Tanzschülerin. Sie ging 1981, soweit ich mich erinnere, nach Kalifornien und studierte dort Tanztherapie, und ich sagte ihr: "Wenn Du mal wieder kommst, meld Dich mal!" Also das sind alles Leute, die ich im Grunde durch meine Arbeit als Tanzlehrerin kennen gelernt hatte. Erika Kletti habe ich durch die Tanzschule Weber in Wiesbaden kennen gelernt. Sie war eine sehr starke Persönlichkeit, und da Barbara Weber eine gute Freundin von mir war, und gleichzeitig auch Expertin in Deutschland für Modetanz, hat sie mir Erika, die auch Modetanz tanzte, wärmstens empfohlen. Es hat also beides geholfen: dass ich Modetanz, Partytanz und Tanzschule machte und darüber an gute Tänzer kam und dass ich über Juliana die 'Tanztherapie pur' von Nicht-Europäern bekam. Erika ihrerseits war wieder befreundet mit Sybille Scharff-Widder, und dann habe ich versucht, weil Sybille auch Psychologin war, in diesem Bereich erst einmal die Leute 'aufzusammeln', die irgend etwas mit Tanz, Bewegung und Psychologie zu tun hatten. Und das waren eben die mühsamen Anfänge hier in Deutschland! Erika und Sybille leiteten ab 1983/84 in Wiesbaden die berufsbegleitende Weiterbildung für Tanztherapie, die vom Berufsverband für Tanztherapie BVT angeboten wurde. Es war eine erfolgreiche Arbeit, wie sich in späterer Zeit zeigte. Z.B. hat eine Teilnehmerin aus dieser Gruppe, Elisabeth Grünberger, hinterher in Wien in Kooperation mit dem Langen Institut die berufsbegleitende Weiterbildung in Österreich aufgebaut.

 

S. Tr.-V.: Ja, es ist schon interessant, dass viele von den neuen deutschen 'Pionieren' hier in den 80er Jahren irgendwann einmal bei Dir waren und in Monheim unterrichtet haben - in ihrem Spezialgebiet oder mit Dir Aufbauarbeit geleistet haben! Petra Klein war auch noch dabei?

W. K.: Ja, Petra, damals noch in Düsseldorf, später in Hamburg und jetzt auf Teneriffa, auch. Es ist, glaube ich, immer so gewesen, das wir uns einfach begegnet sind. Es ist also nicht so, dass ich einen überreden musste, sondern es war immer so, dass auch die Bereitschaft der anderen sofort da war: Petra übernahm zur gleichen Zeit wie Erika und Sybille in Hamburg eine Weiterbildungsgruppe in Tanztherapie. Susanne Bender war von 1983 - 1985 an der Dietrich-Langen-Schule in der Vollzeitausbildung tätig. Alle diese Menschen haben mit viel Engagement und persönlichem Einsatz dazu beigetragen, der Tanztherapie hier in Deutschland auf einen guten Weg zu verhelfen. Viele der 'erstausgebildeten' Schülerinnen der Tanztherapie haben inzwischen überall in Deutschland einen eigenen Platz oder eigene Ausbildungsbereiche gefunden.

Die Zeit für den Beginn der Tanztherapie hier in Deutschland war einfach reif! Du hast mir doch einmal selbst gesagt, als Du mit Deinem Mann Bernd Voigt bei uns in Monheim unterrichtet hast: "Ich hätte Sie auch angerufen; denn ich habe davon gehört, dass Sie auch eine Schule machen!" Und Du und Bernd, Ihr seid ja dann auch 1986 dazu gekommen und habt, auf der Basis Eures eigenen Konzeptes, - damals noch als 'Werkstatt Körpererfahrung' in Bonn, später dann als DITAT - die berufsbegleitende Weiterbildung mit Eurem Team in Monheim an der Dietrich-Langen-Schule neu aufgebaut!

Also in der Reihenfolge war es etwa so: Ich habe 1977, nachdem ich gemerkt hatte, was Tanztherapie wirklich ist und dass ich etwas machte, das nicht Tanztherapie war, wie die Amerikaner sie sich vorstellten mit ihrem Gütesiegel, gesagt: "Ich führe jetzt Tanztherapie hier fundiert ein." Dabei hatte ich wieder jede Menge Unterstützung durch die Presse. Das Deutsche und das Österreichische Fernsehen, zwei Sendungen im Gesundheitsmagazin mit Dr. Hans Mohl: das war wirklich eine enorme Zuschauerzahl! Dann gab es Kontakte mit Professor Dr. Dietrich Langen in Mainz. und ich hatte plötzlich wieder die Ärzteschaft hinter mir. Mit dem Präsidenten des Tanzlehrerverbandes, Horst Schubert, mit Herrn Schnitzer, der eine der größten Tanzillustrierten hier in Europa hatte, haben wir daraufhin einen Arbeitskreis in Mainz gegründet und hatten schnell 128 Mitglieder zumeist aus den Reihen der Tanzlehrer. Das war alles mehr oder weniger gleichzeitig geschehen. Aber der Allgemeine Tanzlehrerverband, der ADTV, war nicht der richtige Rahmen für die Tanztherapie. Also habe ich 1980 dann einen ersten Verband für Tanztherapie gegründet, und das ist dann der Bundesverband für Tanztherapie, der BVT, geworden. Wir hatten gleich 450 Mitglieder, weil der Bundesverband für Tanztherapie kein Berufsverband war, sondern ein Verband, der offen war für alle, die unsere Ziele unterstützten wollten. Mit Professor Dr. Dr. Stockmeier, der auch im Vorstand war und mit Juliana Lau haben wir versucht, ein solides Curriculum auf die Beine zu stellen. Und als es so weit war, habe ich dann unsere Landtagspräsidentin - das heißt, damals war sie Bundestagsabgeordnete und Bürgermeisterin - Frau Inge Friebe, angefragt, ob wir als Ergänzungsschule anerkannt würden.

Im Oktober 1983 wurde dann die Dietrich-Langen-Schule zuerst für 1 Jahr in die dafür extra umgebauten Räumlichkeiten der Tanzschule in Monheim untergebracht. In dieser Vollzeitausbildung waren damals zwei Klassen mit jeweils 15 Teilnehmern. Ein Jahr später folgte dann der Umzug in die Marienburg.

Ab 1988 wurde die Schule dann in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt, das jetzige Langen Institut. Bis dahin war sie ein Privatunternehmen. Es war damals ein Riesenkampf - die curricularen Vorgaben zu erarbeiten. Ergänzungsschule zu werden und BAföG zu bekommen - aber ich bin sehr glücklich darüber, dass wir das alles so früh hinbekommen haben, weil auch das Praktikum mit eingebunden wurde und die Schüler so eine Absicherung bekamen.

 

S. Tr.-V.: Zu dieser Zeit waren auch andere Tanztherapeutinnen aus den USA in Monheim?

W. K.: Ja, von 1984 an und in den Folgejahren waren regelmäßig über längere Zeiten Tanztherapeutinnen aus den USA dort: Joanna Harris, Mara Capy, Lilian Espenak, die noch zwei Monate vor ihrem Tod in Monheim unterrichtete und wie Juliana Lau Ehrenmitglied im BVT war. Debra Mc Call, Conner Kelly, Steven Harvey, Susan Loman, Rosa Maria Govoni und Gerard Bagley aus London, der noch direkter Laban-Schüler war, sind wohl die Bekanntesten. Im Grunde waren das alles Versuche, viele verschiedene tanztherapeutische Richtungen darzustellen, damit die Schüler auch ein breites Spektrum aus den USA erfahren konnten.

 

S. Tr.-V.: Ich hätte aus deiner Sicht gerne noch ein paar Anmerkungen über die Entwicklung der Tanztherapie in den letzten 35 Jahren!

W. K.: Von meiner Seite aus habe ich einfach immer sehr unbeirrbar meinen Weg beschritten. Wir haben z.B. auch dieses Diplom als ein Verbandsdiplom des BVT für Tanztherapie eingeführt. Ich war u.a. bei der Gründungsversammlung der Internationalen Gesellschaft für Kunst, Gestaltung und Therapie, 1984, in Ascona und auf dem Monte Verita dabei und wurde mit in den Vorstand gewählt, damals für die Vertreter der Tanztherapie eine gute Sache! 1986 war ich dann ebenfalls Gründungsmitglied des Tanzrates der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Gesellschaft für Tanzforschung (GTF). Die Mitgliedschaft des BVT, damals des einzigen aktiven Berufsverbandes für Tanztherapie, war dann innerhalb der Sektion 'Darstellende Künste' im Deutschen Kulturrat wie bei allen anderen politischen Aktivitäten mit vielen Treffen und grundsätzlichen politischen Überlegungen verbunden. Meine persönliche Mitgliedschaft in der IMA, der Internationalen Medizinergesellschaft, brachte ebenfalls die Möglichkeit der Tanztherapie einen entsprechenden Rahmen zu bieten. In diesem Bereich konnte in vielen gemeinsamen Jahren ein guter Austausch durch Seminare und Vorträge stattfinden.

Ich habe von Anfang an immer versucht, der Tanztherapie ein breites Handlungsfeld zu eröffnen. Es war damals noch nicht klar, wo sie sich ansiedeln würde. Ich habe versucht. Zeichen zu setzen, wie man miteinander umgehen könnte, auch mit Vertretern anderer therapeutischer Verfahren. Ich meinte damals wie auch heute, dass wir nur dann unser Ziel finden und erreichen können, wenn wir gemeinsam, auch mit unterschiedlichen Auffassungen, den Weg gehen. Ich habe mich dann allerdings aus den Verbänden langsam zurückgezogen, auch aus der Gesellschaft für Tanzforschung und Marianne Eberhard das weiter machen lassen, weil ich als Person immer eine Angriffsfläche bot. Ich glaube auch, weil ich Geschäftsfrau, Nicht-Klinikerin und erfolgreich war. Später ging es um die Entwicklung des BTD. Da habe ich angeregt, den 1984 gegründeten BdTA aufzulösen und die Berufsverbände zu fusionieren. Tanztherapie ist Bewegung und nicht Stagnation durch Grabenkämpfe! Es war ganz viel Arbeit bis Anfang der 80er Jahre, überhaupt Institutionen zu schaffen! Jetzt könnten wir, so denke ich, alle vorhandenen Verbände neu zusammenfügen. Aber da gibt es wohl immer noch althergebrachte Rivalitäten. Jedenfalls haben die anderen Verbände diesen Schritt nicht mitgemacht. Ich unterstütze den BTD und wünsche ihm viel Erfolg in der Zukunft!

Herbert Marcuse über das, was wie brauchen:
"Negation des Leistungsprinzips, der Konkurrenz, Negation des heute ungeheuer starken Bedürfnisses nach Konformität, nicht aufzufallen, ein Außenseiter zu sein, Negation des Bedürfnisses nach einer verschwendenden, zerstörerischen Produktivität, die mit Destruktion untrennbar verbunden ist, Negation des vitalen Bedürfnisses nach verlogener Triebbefriedigung.... "

 

S. Tr.-V.: Ich glaube, Du bist deshalb so erfolgreich geworden, weil Du mehrere Dinge miteinander verknüpfen konntest: Deine Intuition, was Menschen in den 60er Jahren im Tanzen als Gegenbewegung zu der gesellschaftlichen Erstarrung suchten, dann eine realistische Sicht auf die Wirksamkeit der Medien und eine ausgeprägte Fähigkeit, wirtschaftlich zu denken. Dabei hast Du es geschafft, Dich nicht eitel als Person ständig in den Vordergrund zu schieben, sondern die Kraft zu haben und zu sagen: Hier ist mein Verband, meine Aufbauarbeit, aber den gebe ich weiter in gute und jüngere Hände. Also das ist aus meiner Sicht auch ein großes Vermächtnis für uns Jüngere und könnte ein Vorbild für die folgenden tanztherapeutischen Generationen sein!

Wally, Du bist jetzt 74 Jahre alt und hast dich offensichtlich noch nicht zur Ruhe gesetzt, auch wenn das Langen-Institut nun geschäftsmäßig durch eine andere Institution geleitet wird. Was sind deine Aktivitäten heute?

W. K.: Ich bin noch häufig unterwegs zu Vorträgen und Seminaren, nach der Pisa-Studie habe ich in meinen alten Unterlagen nachgesehen und Konzepte und Unterlagen gefunden, die sich mit neuen Lehr- und Lernmethoden im Vorschulalter beschäftigen, die habe ich wieder belebt. Dabei entdeckte ich, dass ich vieles davon schon vorgestellt habe, vor allem in der Arbeit mit Kindern. Ein altes und wieder neues Projekt ist es, meinen Traum zu verwirklichen: die Gründung und Etablierung einer 'Sonnenakademie' auf Ibiza. Einige Treffen mit Politikern und Führungskräften vor Ort haben schon stattgefunden. Ich finde nach vielen Jahren des Rückzugs jetzt dort wieder eine andere Einstellung zur Wirtschaft und zu Kontakten vor. Ich mache nach wie vor neue Projekte. Ich wollte ja immer Bücher schreiben. Ich habe jetzt das Kinderbuch, das ich vor 13 Jahren geschrieben habe, so gut wie fertig, das ist wunderschön, es sind viele Bilder von Kindern darin, aber die Mode stimmt nicht mehr! Diese Mädchen und Buben haben Sachen an wie aus dem vorigen Jahrhundert. Ich zeichne alles neu.

 

S. Tr.-V.: Und wann kommt dieses Buch, unter welchem Titel in welchem Verlag?

W. K.: Wahrscheinlich im Falken-Verlag, der Titel ist: "Kindertänze - spielend lernen." Das Bildmaterial muss allerdings modernen Anforderungen angepasst werden. Ich habe auch noch sehr viele Unterlagen von Seminaren, die ich alle gesammelt habe. Daraus möchte ich auch noch ein Buch für den heilpädagogischen Bereich schreiben. Das ist auch wichtig, weil es viel zu wenig Praxisbücher gibt mit anschaulichen Übungen und Interventionen.

 

S. Tr.-V.: Du hast im Jahre 2000 das Bundesverdienstkreuz erhalten. In welchem Kontext? Als eine Frau, die sich um den Tanz oder um die Tanztherapie verdient gemacht hat? Was bedeutete diese spezielle Ehrung für dich?

W. K.: Die Ehrung in Berlin war dafür, dass ich trotz all dieser beschriebenen Widerstände der Tanztherapie auf den Weg verholfen hätte im klinischen Bereich einen Platz zu finden.

 

S. Tr.-V.: Also letztlich für diese Tätigkeit als Pionierin der Tanztherapie hier in Deutschland?

W. K.: Ja, für die Entwicklung der Tanztherapie in Deutschland. Johannes Rau war ja hier Ministerpräsident in unserem Land, bevor er Bundespräsident wurde, und er hat sich hinterher, nach dieser Kreuzübergabe, noch sehr nett mit mir unterhalten. Er sagte: "Wissen Sie, dass ich vor vielen Jahren immer sehr viel über Sie gehört habe? Und zwar von den behinderten Menschen bei uns in NRW, die sich gefreut haben, dass Sie kamen!" Ich fand es sehr nett, dass man mir, obwohl ich keine Bücher geschrieben habe und keinen Doktortitel habe, oder Professorin bin, sondern einfach nur als Mensch gearbeitet habe, zugesteht, halt eine ganze Menge dazu beigetragen zu haben, dass eben der heutige Bekanntheitsgrad der Tanztherapie da ist.

 

S. Tr.-V.: Das lassen wir jetzt so als Schlusswort von Dir stehen.

Herzlichen Dank für Deine Aufrichtigkeit und Deine spürbare Impulsivität, mit der Du Dich damals und heute noch immer für die Sache "Tanztherapie" in Deutschland engagierst!

 

 

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