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Der Ausdruck "Pflegerische Gymnastik" entstand ca. 1925, als es galt, den gesundheitlich funktionellen Aspekt einer gymnastischen Bewegungserziehung deutlich von musikalisch-rhythmischen, tänzerischen oder sportlichen Arbeitseinrichtungen abzuheben. Die Vorstellung des "Pflegsamen" und "Pflegerischen" als einer besonderen Einstellung der Gymnastiklehrerin zur anatomischen und physiologischen Funktionsweise des Körpers und einer sorgfältigen Behutsamkeit im Eingehen auf die individuell zu variierenden Anwendungen von Übungen für die Funktion der Atmung oder für die Statik der auf rech ten Haltung mag schließlich Pate bei der Wahl des Wortes gewesen sein. Zu einer ersten amtlichen Fixierung des Begriffs kam es in einer Anordnung des Reichsverbandes Deutscher Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer e.V. vom 2. November 1935, in der es u. a. hieß: "Das in der gymnastischen Ausbildung unter mehreren Anwendungsgebieten zur Wahl gestellte Fach "Pflegerische Gymnastik" hat die Anwendung der allgemeinen Gymnastik auf das Übungsbedürfnis bestimmter Lebensalter (z.B. Kleinkinder, Entwicklungszeit, Wechseljahre vorgerücktes Alter) oder auf einseitige Leistungsbeanspruchung durch Berufstätige zur Aufgabe ..." Die erneute Diskussion erfolgte nach 1945. Sie wurde mit der Vereinbarung vom 27.01.1950 zwischen dem Ausschuss der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft und den zuständigen Berufsverbänden abgeschlossen. Danach umfassen die Tätigkeitsgebiete der "Pflegerischen Gymnastik" die
"Gesunderhaltung, die Beseitigung von Leistungsschwächen und die Vorbeugung mit Mitteln der Gymnastik. Aufgabe der Pflegerischen Gymnastik ist weiterhin die Bekämpfung der Haltungsschwächen und Haltungsfehler, soweit es sich nicht um Krankheiten handelt. Die Atem- und Schwangerschaftsgymnastik ist ein weiterer Schwerpunkt der Pflegerischen Gymnastik." Aus dem Vergleich der beiden Verlautbarungen lässt sich schon die erhebliche Erweiterung des Katalogs der Tätigkeitsgebiete der Pflegerischen Gymnastik bis zum Jahre 1950 ab le sen. Die Begriffe "Gesunderhaltung", "Vorbeugung" und "Beseitigung von Leistungsschwächen" erfassten in damaligem Sprachgebrauch Aufgaben, die sich heute kürzer als "Gymnastik in Prävention und Rehabilitation" erfassen lassen. Medizin und Pädagogik sind m. E. gleichermaßen für die "Pflegerische Gymnastik" als Einstellungs- und Motivationsbereiche anzusehen. Der Beruf der Gymnastiklehrerin muss gerade für die Volksgesundheit in der Zukunft für wichtig erachtet werden, weil dieser Beruf Elemente abzugeben hat, die lebensbejahend sind. Elemente, die die Lebensqualität verbessern helfen und nicht zuletzt, weil dieser Beruf die Grenzen zwischen Therapie und Erziehung fließend werden lässt und somit seinen Anspruch auf breitester Ebene des Erziehungs- und Rehabilitationsgeschehens rechtfertigen kann. Die Begründung zu vorderem ist in Folgendem zu sehen: Wir haben in wenigen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts unseren Lebensstil und unsere Umwelt grundsätzlicher verändert als jemals zuvor in der 4,4 Millionen Jahre alten Menschheitsgeschichte. Die besonders nach dem Zweiten Weltkrieg rapide zunehmende Technisierung und Automatisation sowohl in unserem Berufs- als auch in unserem Freizeitleben bewirkte die Verminderung des vor allem muskulär ausgelösten Energieverbrauchs von ca. 3100 Kcal bei erwachsenen männlichen Personen im Jahre 1900 auf etwa 2200 Kcal im Jahre 1995. Damit sind wir die erste Generation in der Menschheitsgeschichte, welche biologischen Ansprüchen nicht mehr genügt. Die diesbezügliche Grundregel lautet: Gesundheits- und Leistungszustand eines Organismus werden bestimmt vom Erbgut so wie von der Qualität und Quantität seiner muskulären Beanspruchung. Muskuläre Tätigkeit beeinflusst akut und chronisch den gesamten menschlichen Organismus, d. h. die inneren Organe vom Gehirn bis zur Niere, den Halte- und Bewegungsapparat sowie die gesamte hormonelle Steuerung. In Kindheit und Jugend ist es die Aufgabe überschwelliger muskulärer Reizsetzungen, eine optimale Entwicklung von Körper und Geist zu bewirken. Beim erwachsenen Menschen kann hierdurch zahlreichen Herzkreislauf-, Stoffwechsel- und Krebserkrankungen vorgebeugt werden. Beim älteren und alten Menschen stellt vergrößerte muskuläre Aktivität die einzige Möglichkeit dar, sich funktionell jünger erhalten zu können, als es chronologisch dem Geburtsschein des Betreffenden entspricht.
Aus der gesundheitsbezogenen Sicht ist die einstmalige schöne Definition des Begriffes "Sport" wie z. B. "schönste Nebensache der Welt" oder "zweckfreies, lustbetontes Tun" seitens der Medizin nicht mehr aufrecht zu erhalten. Im Gegenteil, aus der heutigen Sicht von Medizin und Biologie müsste Sport zum Zwecke der Gesundheitserhaltung und Leistungsförderung erfunden werden, wenn es ihn noch nicht gäbe. Hier liegt die an Bedeutung kaum zu überbewertende Notwendigkeit in der Tätigkeit der Gymnastiklehrerin im Bereich der Prävention. Die Tätigkeit der Gymnastiklehrerin darf aber nicht nur im Bereich der Prävention liegen. Hier ist ein Schaden eingetreten, dann muss die entsprechende Therapie und Rehabilitation so geleistet werden, dass der Betroffene wieder einigermaßen beschwerdefrei seinen Alltag meistern kann. Banale Voraussetzung dazu ist eine entsprechende körperliche Leistungsfähigkeit. Die Gymnastiklehrerin ist in ihren Berufsfeldern dazu auf gerufen, die Kranken dahin zu führen, dass diese zumindest eine den normalen Alltagsansprüchen genügende körperliche Leistungsfähigkeit wieder finden können. Ein weiterer Gesichtspunkt für die Ausbildung und das Berufsfeld der Gymnastiklehrerin ist die orthopädisch-neurologische Seite der Bekämpfung von heute im Vordergrund des Interesses stehenden Schäden. Die gesamten Arthrosen, Gelenkveränderungen, die neurologischen Schäden, welche in immer größerem Ausmaße vermehrt in hochtechnisierten Gesellschaften auftreten, sind gerade in wesentlichen Bereichen durch ein geeignetes körperliches Training bzw. durch Gymnastik und Sport zu fassen. Als Definition kann unter dem Begriff "Pflegerische Gymnastik" die Gymnastik angeführt werden, die primär den gesundheitlichen Aspekt in ihrer Tätigkeit berücksichtigt. Dabei bleibt des Begriff "Gesundheit" nicht auf den physikalischen Bereich beschränkt, als biologische Funktionsfähigkeit des Organismus, sondern schließt den psycho-sozialen Bereich mit ein.
"Gesundheit ist ein Zustand vollkommen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Schwächen." Die pädagogischen Intentionen zielen bei der "Pflegerischen Gymnastik" darauf hin, über das "Körperbewusstsein" biologisch-funktionelle Zusammenhänge und Wechselbeziehungen zwischen physischen und psychischen Gegebenheiten wahrnehmbar, erkennbar und erfahrbar zu machen. Das bedeutet, dass auf dem Weg der Wahrnehmung, der Erkennung und der Selbsterfahrung das Verantwortungsbewusstsein für sich selbst und für seine Mitmenschen entwickelt und gefestigt werden soll. Konkret handelt es sich also hier um Gesundheitserziehung einschließlich der Psychohygiene:
für alle Altersstufen. Man darf der Überzeugung sein, dass die Gymnastiklehrerin um ihren Arbeitsplatz auch in zukünftigen Jahrzehnten nicht zu bangen braucht, wenn sie über eine fundierte Ausbildung, das heißt unter anderem über ein fundiertes Wissen und eine fundierte Praxis im Be reich der präventiven und rehabilitativen Medizin verfügt. Univ. Prof. Dr. med. Dr. h. c. Wildor Hollmann
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